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Funkstille seit 2010: Bagamoyo immer noch auf dem Weg zum UNESCO-Weltkulturerbe "Ostafrikanische Sklavenroute"?

Foto: Rudolf Blauth
Boma vor dem Zerfall der Vorderfront
Foto: ICOMOS
Boma im heutigen Zustand

    „Ich bin mir sicher, dass der Antrag angenommen wird"

    Donatius Kamamba
    Donatius Kamamba

    Interview im Jahr 2009 (danach keine Äußerungen mehr seitens der Regierung) mit Donatius Kamamba, Direktor der Denkmalschutzbehörde von Tansania, über die Renovierung der Deutschen Boma in Bagamoyo und über die Bemühungen zur Anerkennung des UNESCO-Weltkulturerbes „Ostafrikanische Sklaven- und Handelsroute“

    Herr Kamamba, können Sie uns sagen, wie es nach mehreren vergeblichen Versuchen jetzt gelang, die Arbeiten an der Boma in Bagamoyo zu starten?
    Kamamba:
    Staatspräsident Kikwete kannte den deutschen Honorarkonsul Gotthardt aus ihrer früheren Zusammenarbeit und bat ihn um Unterstützung. Durch Vermittlung von Gotthardt kam es dann zu einem mehrfachen Einsatz von Senior-Experten aus Deutschland (SES), so dass mit einer technischen Beratung und dem Einsatz von Freiwilligen ein Anfang gemacht werden konnte. Herr Gotthardt ist leider kürzlich verstorben.

    Wie sah die tansanische Beteiligung aus?
    Zwei Ministerien stiegen in das Projekt ein und stellten Finanzmittel bereit: Das Ministerium für Infrastruktur für die technischen und das Umwelt- und Tourismusministerium für die administrativen Arbeiten. Es wurden lokale Berater hinzugezogen: BIKO von der Universität Daressalaam für die Gebäudestatik, ein Institut für Materialprüfungen und schließlich auch eine Baufirma, die direkt dem Ministerium für Infrastruktur untergeordnet ist. Ali Hassan, ein Bauunternehmer aus Bagamoyo, wurde ebenfalls hinzugezogen. Die Vorgabe lautete: Durch die Sicherung wichtigster Teile soll der weitere Verfall gestoppt und das Gebäude konsolidiert werden. Die Maßnahmen betrafen vor allem die Reparatur von Rissen in den Wänden, die Stabilisierung der Geschossdecken durch den Austausch korrodierter Eisenträger und die Errichtung eines neuen Daches.

    Bauzaun vor der Boma
    Bauzaun vor der Boma

    Wie stellt man sich die zukünftige Gebäudenutzung vor?
    Auf Bitte des Präsidenten wurde ein Architekt beauftragt, sich über die zukünftige Nutzung Gedanken zu machen. Ein Plan, auch für die weitere Umgebung, ist ausgearbeitet. Es geht in Richtung „VIP Lodge“ auf kommerzieller Basis. Entschieden ist aber noch nichts, die Vorschläge müssen erst den Politikern vorgelegt werden.

    Wie gehen die Arbeiten weiter und wann sind sie abgeschlossen?
    Das Budget für den Austausch der Stahlträger für die Geschossdecken und das neue Dach ist in diesem Finanzjahr bereitgestellt, jedoch gibt es Verzögerungen bei der Auszahlung durch das Finanzministerium. Dadurch gibt es im Moment eine Verzögerung. Sobald das Geld ausbezahlt wird, gehen die Arbeiten weiter, und auch das Dach soll dann errichtet werden. Der weitere Verlauf und der Abschluss kann nur Schritt für Schritt erfolgen. Das Ministerium für Umwelt und Tourismus wird Budgetmittel für das kommende Finanzjahr (Juli 2010 bis Juni 2011) bereitstellen. Auch an die Deutsche Botschaft wurde ein Antrag zur Finanzierung des Daches gestellt. Dieser Antrag wurde bislang aber noch nicht beantwortet. Wenn die zum Teil noch laufenden Consulting-Aufträge abgeschlossen sind, wird der Architekt den detaillierten Projektvorschlag vorlegen, der dann diskutiert werden muss.

    Kommen wir zum Thema Weltkulturerbe: Wie ist der Status des Antrages „Sklavenroute Kigoma-Bagamoyo“ zur Aufnahme in die „UNESCO World Heritage List“?
    Der Antrag wurde von uns mit Hilfe der schwedischen Expertin Birgitta Hoberg erstellt und im Februar 2009 bei der UNESCO eingereicht. Dort hat man ihn vorgeprüft und uns gesagt, dass vor einer endgültigen Entscheidung weitere Unterlagen eingereicht werden müssten. Wir sind jetzt dabei, diese zusammenzustellen, um den Antrag bis Februar 2010 erneut vorzulegen. Es dauert dann über ein Jahr, bis über den Antrag entschieden wird.

    Welche Unterlagen müssen noch nachgereicht werden?
    Topographische Karten und die Koordinaten, was das „Institute of Ressource Assessment“ der Uni Daressalaam zur Zeit macht. Die ganze Route muß auf den Karten eingetragen werden. Wir hatten nur GPS-Daten eingereicht. Außerdem sind genauere Beschreibungen und Begründungen erforderlich, die Dr. George Abungo aus Kenia zur Zeit erstellt.

    Sklavenkarawane (le Roy)
    Sklavenkarawane (Le Roy)

    Wie muss man sich die Route in ihrer konkreten Ausdehnung vorstellen? Wie soll das Management gewährleistet werden?
    Von Kigoma bis Bagamoyo ist die Route 1200 km lang. Sie durchquert 13 Distrikte, 6 Kommunen und 4 Regionen. Ein Korridor von 10 Meter soll unter Schutz gestellt werden, dazu rechts und links jeweils eine 10 Meter breite Pufferzone. Es gibt ein paar Stellen, wo gar nichts mehr da ist, da gibt es dann Unterbrechungen der Schutzzone. Dazu kommen 7 Zentren entlang der Route, die als besondere Orte mit Gebäuden oder sonstigen Anlagen im Ensemble erhalten und unter Schutz gestellt werden sollen.

    Welche Orte sind das konkret?
    Es handelt sich um Kigoma/Ujiji, Ulyankulu, Tabora, Kwihara, Kilimatinde, Mpwapwa, Mamboya und Bagamoyo. Das „Institue of Resource Managment“ arbeitet gemeinsam mit unserem „Department of Antiquities“ einen Management-Plan aus. In Kigoma, Kwihara und Bagamoyo arbeiten bereits unsere Angestellten vor Ort. In Kwihara gibt es noch das Haus, in dem die Sklaven untergebracht worden waren. Als Livingstone auf der Durchreise hier wohnte, befreite er die Sklaven, und der Besitzer flüchtete. Zur Vermarktung und zum touristischen Ausbau setzen wir unsere Hoffnungen auf private Investoren. Der Amerikaner Jim Owens, ein Nachfahre der Livingstone Familie, hat die ganze Route bereits abgelaufen.

    Hat dann der Antrag (mit der Einreichung der ergänzenden Unterlagen bis Februar 2010) gute Chancen, in die World Heritage List aufgenommen zu werden?
    Nach der Beseitigung der erwähnten Unklarheiten steht der Bewilligung nichts mehr im Wege. Ich bin mir sicher, dass der Antrag angenommen wird. Es braucht halt nur seine Zeit.

    Herr Kamamba, vielen Dank für das Interview und viel Erfolg!

    (Das Interview führte während einer UNESCO-Tagung im Dezember 2009 in Sansibar für den Freundeskreis Bagamoyo e.V. Uli Malisius,  Dipl.-Architekt und Stadtplaner, Denkmalschutzexperte, Diplom Technologie in den Tropen. Uli Malisius war bis Januar 2010 für die dänische Entwicklungshilfe als Regierungsberater in Tansania tätig. Zuvor arbeitete er in Norwegen, Tansania, Jemen, Libyen, Indonesien und Bolivien.)


    Kikwete auf UNESCO-Generalversammlung: "Wir müssen uns beeilen"

    Foto: UNESCO
    Kikwete in Genf

    Auf der 34. UNESCO-Generalkonferenz am 22.10.2007 in Genf betonte der tansanische Präsident Jakaya Kikwete die vitale Rolle der Erziehung in der Entwicklung und die Bedeutung des Denkmalschutzes. Vor über 2000 Delegierten aus 193 UNESCO-Mitgliedsländern, darunter zahlreichen Staatschefs und über 200 Ministern, bezeichnete Kikwete die Bildung „als den Schlüssel zur Entwicklung“ eines Landes. Tansania würde in den Bildungsbereich sehr viel investieren, leide jedoch unter „dem Lehrermangel, der Knappheit an Lehrerwohnungen und der Knappheit an Unterrichtsmaterialien“. 

    „Bewahrung der Geschichte“

    Im Kulturbereich begrüßte Kikwete ausdrücklich die Unterstützung der UNESCO bei der Schaffung des neuen UNESCO-Weltkulturerbes „Sklavenroute“ von den großen Seen im Landesinnern bis nach Sansibar. Laut Kikwete geht es „um die Dokumentation und Bewahrung der Geschichte und der bedeutenden Relikte der Ostafrikanischen Sklavenroute“.

    Kikwete begrüßt neues UNESCO-Weltkulturerbe "Straße zur Unabhängigkeit"

    Kikwete begrüßte auch das UNESCO-Projekt zur Schaffung einer „Road to Independence“ (Straße zur Unabhängigkeit), das hauptsächlich im südlichen Afrika angesiedelt werden soll: „Ich bin so glücklich, dass diese wichtige Epoche in der Geschichte unseres geliebten Kontinents aufgezeichnet und bewahrt werden soll. Viele der Akteure haben nie darüber geschrieben und viele sind auch schon gestorben“, sagte Kikwete. Es gebe nur noch wenige Überlebende und man müsse sich beeilen, „die Informationen, an die sie sich erinnern, zu sammeln, bevor auch sie ihre Augen schließen und sterben“.

    Bagamoyo wäre nicht nur wichtiger Bestandteil der „Ostafrikanischen Sklavenroute“, sondern auch einer neuen UNESCO-Weltkulturstätte „Straße zur Unabhängigkeit“. Denn in Bagamoyo befand sich viele Jahre das Hauptquartier der Befreiungsorganisation Frelimo aus Mosambik. Der spätere Staatspräsident Samora Machel hat von Bagamoyo aus den Befreiungskampf seines Landes gegen die portugiesische Kolonialherrschaft organisiert und noch heute reist jährlich zum Tag der Unabhängigkeit von Mosambik eine hochrangige Regierungsdelegation nach Bagamoyo. In dem ehemaligen Frelimo-Hauptquartier, das sich auf halber Strecke zwischen Bagamoyo und Kaole befindet, ist heute eine private Secondary-Schule untergebracht. 

    Afrika bisher unterrepräsentiert

    Kikwete ließ in Genf auch nicht unerwähnt, dass sich von insgesamt über 800 UNESCO-Weltkulturstätten weniger als 50 in Afrika befinden. Afrika hätte aber wesentlich mehr Kultur- und Naturstätten, die schützenswert seien und die von einer Aufnahme auf die Liste profitieren würden. Kikwete lud die UNESCO ein, den Prozess einer stärkeren Anerkennung afrikanischer Weltkultur- und Weltnaturstätten zu unterstützen.


     

    Fotos: UNESCO
    Montage: Christian Wolff


    Bagamoyo steht auf der offiziellen Vorschlagsliste

    Logo UNESCO

    Als Teil eines neuen UNESCO-Weltkulturerbes "Ostafrikanische Sklaven- und Handelsroute"

    Am 20.2.2006 wurde das angestrebte neue Weltkulturerbe "Ostafrikanische Sklaven- und Handelsroute" endlich auf die Vorschlagsliste gesetzt, die Voraussetzung ist für eine spätere Anerkennung durch die UNESCO. In der offiziellen Begründung heißt es hierzu:

    "Bis noch nicht einmal vor 150 Jahren hatten Millionen Afrikaner ein grausames Schicksal zu ertragen. Sie wurden von Sklavenjäger gefangen, aneinandergekettet und gezwungen, manchmal hunderte von Kilometern zu laufen, um beispielsweise an Plantagenbesitzer verkauft zu werden, die sie als billige Arbeiter in ihren Feldern einsetzten. Zentral- und Ostafrika zählten zu den Hauptgebieten, in denen Sklavenjäger und -händler, die meisten von ihnen waren Araber, ihre zwielichtigen Geschäfte abwickelten. Sie fingen ihre Opfer zum Beispiel in einigen Gebieten, die heute zur Demokratischen Republik Kongo gehören und in den westlichen und zentralen Landesteilen des heutigen Tansania. Die Sklaven wurden zur Küste und von dort zur Gewürzinsel Sansibar gebracht und viele wurden weiterverkauft in die arabischen Länder, nach Persien, Indien, Mauritius und Reunion. Offiziell wurde der Sklavenhandel im Jahre 1873 auf britischen Druck verboten, aber er dauerte heimlich noch mehrere Jahre an.

    Eine der Routen, die von den Handelskarawanen genutzt wurden, startete in Ujiji am Ufer des Tanganikasees. Sie erstreckte sich über eine Länge von 1200 km und endete in Bagamoyo genau gegenüber von Sansibar auf dem Festland von Tansania. Viele Experten sehen sie als die Hauptroute von insgesamt drei Routen an, die in Ostafrika dokumentiert worden sind. Die Liste schließt die Route Ujiji-Bagamoyo als Ganzes ein. Der Gedanke besteht darin, nicht nur die noch sichtbaren Erinnerungen an die dunkle Vergangenheit wie Sklavenforts und andere historische Gebäude oder noch existierende Teile der Route zu schützen, sondern auch die Forschung über dieses Thema zu intensivieren, die Erinnerungen an diese Ära zu dokumentieren und die Kultur und die Traditionen der Gemeinschaften, die entlang der Route leben, zu bewahren. 

    In dieser Hinsicht gibt es Möglichkeiten einer transnationalen Nominierung mit Nachbarländern wie Burundi, Demokratische Republik Kongo, Uganda, Kenia und Mosambik. Diese Möglichkeit wird während des Nominierungsprozesses ermittelt. 

    Sechs Zentren sind entlang der zentralen Sklavenroute ausgewiesen worden und beinhalten Bagamoyo, Mamboya, Mpwapwa, Kilimatinde, Kwihara und Ujiji."

    Bagamoyo als "Stätte der Erinnerung" für menschliches Leiden und Erniedrigung

    Im Antrag folgen dann erläuternde Ausführungen zu den genannten sechs Schwerpunktzentren. Zu Bagamoyo wird darin ausgeführt: 

    "Entsprechend seiner Lage am Indischen Ozean und als bedeutende Hafenstadt an der Küste Tansanias, die eine Schlüsselrolle im ostafrikanischen Sklavenhandel spielte, ist Bagamoyo eine "Stätte der Erinnerung" für menschliches Leiden und durch Sklaverei, Sklavenhandel und die Bürde des europäischen Kolonialismus verursachte Erniedrigung. Die Bevölkerung von Bagamoyo ist das Resultat von Interaktion und Verschmelzung verschiedener ethnischer Gruppen von der unmittelbaren Küste und ihrem Hinterland, besonders den Wazaramo, Wadoe, Wakwere und Wazigua, sowie aus dem Binnenland, insbesondere den Wanyamwezi und Wamanyema. Bagamoyo diente als Endstationi einer Abreise aus Ujiji. Von Bagamoyo wurde die Sklaven nach Sansibar verschifft, wo es einen bedeutenden Sklavenmarkt gab. Zeugnisse des Sklavenhandels sind Sklaven und Sklavenunterkünfte, Gebäude wie die Karawanserei, der Wissmann-Wachturm, der Alte Markt, das Zollhaus und das Alte Fort. Hierzu gehören auch das "Freedom village" auf dem Gelände der R.C. Mission und das R.C. Museum, das über viele Dokumentationen verfügt."

    "Für die Anerkennung als Weltkulturerbe ist die Aufnahme auf die Vorschlagsliste Voraussetzung"

    Über die Bedeutung der Aufnahme auf die Vorschlagsliste und über das weitere Verfahren auf dem Weg zur Anerkennung als Weltkulturerbe führt der Denkmalschutzexperte Ulli Malisius aus:

    "Die Vorschlagsliste ist ein Werkzeug, das von der UNESCO eingeführt wurde, um ein wenig mehr Übersichtlichkeit und Systematik in die Anträge der jeweiligen Länder zu bekommen. Es ist ein Vorauswahl, die die Länder selbst treffen können, unabhängig davon, wie groß die Chance für eine Realisierung ist. Für einen dann folgenden Aufnahmeantrag zur Anerkennung als Weltkulturerbe ist die Aufnahme in die Vorschlagsliste allerdings Voraussetzung. Dies wurde deswegen von der UNESCO eingeführt, damit die Länder selbst über eine Auswahl entscheiden und es nicht zu vielen willkürlichen und zufälligen Nominierungen kommt. Ob und wann ein Kulturerbe aus der Vorschlagsliste in das formale Antragsverfahren eintritt, ist offen. In der Vorschlagsliste von Tansania kann man sehen, dass dort ein Kulturerbe bereits seit zehn Jahren auf der Liste steht, ohne dass es zu einem offiziellen Antragsverfahren gekommen wäre."


    "Bagamoyo erhält eine eigene Verwaltung"

    Interview mit Wilhelm Wiesmann

    Wilhelm Wiesmann ist Teamleiter der von der schwedischen Entwicklungshilfeorganisation Sida finanzierten Beraterfirma WSP in Bagamoyo.

    Foto: Peter Harke
    Die Boma von Bagamoyo

    Frage: Herr Wiesmann, wann haben Sie Ihre Tätigkeit in Bagamoyo aufgenommen?

    Wiesmann: Am 1. April 2005.

    Frage: Könnten Sie uns bitte Ihren Aufgabenbereich skizzieren?

    Wiesmann: Laut Jobbezeichnung bin ich Berater für die Verwaltung und das Kulturerbe von Bagamoyo und zusätzlich "Team Leader" des internationalen Expertenteams, das von Sida finanziert wird. Unsere Hauptaufgabe besteht darin, die Distriktverwaltung von Bagamoyo bei der Durchführung des sogenannten "Local Government Reform Programme" zu unterstützen. Gerade jetzt am 11. Mai ist der Beschluss gefällt worden, eine eigenständige Stadtverwaltung von Bagamoyo zu etablieren, um dadurch die Entwicklung der Stadt besser fördern zu können. Die Stadtverwaltung wird am 1. Juli eingesetzt.

    Frage: Welche Projekte werden Sie konkret in den kommenden 1-2 Jahren in Angriff nehmen?

    Wilhelm Wiesmann: Ein solcher Zeitrahmen wäre tatsächlich sehr sinnvoll. Doch leider wurde mir bereits kurz nach meiner Ankunft in Bagamoyo mitgeteilt, dass unser Projekt bereits am 30. Juni beendet werden soll. Ursprünglich sollte mit schwedischer Hilfe die Stadtverwaltung von Bagamoyo mit ihrer vorgesehenen Personal- und Finanzausstattung zu einem Vorbild im tansanischen Reformprozess werden.

    Frage: Zumal Sida ja auch jahrelang Vorarbeiten geleistet hat.

    Wilhelm Wiesmann: Sida hat sich vor allem um die sogenannten "weichen Faktoren" gekümmert wie z.B. die Ausbildung für das zukünftige Personal in der Stadtverwaltung von Bagamoyo. Im vergangenen Jahr sind Studien angefertigt worden zur sozio-ökonomischen Situation der Bevölkerung in Bagamoyo, auch zur Situation bzgl. HIV/Aids. Ebenso wurden Studien zur Umweltsituation erstellt und gerade jetzt sind Vorschläge zur Wasserversorgung und -entsorgung bzw. zur Regenwassersammlung an Schulen in Bearbeitung. Ich selbst habe während eines guten Schauers ca. 8000 l Regenwasser eingesammelt und habe daher dieses System in die Überlegungen mit eingeschlossen, übrigens auch an der Alten Deutschen Schule.

    "Wenn ich mir den Verfall der Gebäude und der Infrastruktur in Bagamoyo ansehe, dann stimmt mich das sehr traurig"

    Frage: Schweden hat sehr massiv die Anerkennung der "Ostafrikanischen Sklavenroute" inkl. Bagamoyo als UNESCO-Weltkulturerbe vorangetrieben. Sind Sie über den aktuellen Stand der Dinge informiert?

    Wilhelm Wiesmann: Natürlich kann ich nicht für Sida sprechen. Ich habe aber persönlich den Eindruck, dass Schweden die Strategie einschlagen wird, die tansanische Denkmalschutzbehörde (Department of Antiquities) durch die Nationale Denkmalschutzbehörde von Schweden (National Heritage Board) fachlich zu unterstützen. Was dadurch an wirklichen Verbesserungen zu erwarten ist, bleibt abzuwarten.

    Frage: Experten haben in den letzten Jahren immer wieder die Zurückhaltung der tansanischen Regierungsstellen in Sachen "Weltkulturerbe" beklagt. Sind hier inzwischen Aktivitäten zu verzeichnen?

    Wilhelm Wiesmann: Es sind zwar Aktivitäten zu verzeichnen, nur ist nicht klar, wohin sie führen oder was das Ergebnis sein wird. In den vergangenen Jahren habe ich drei verschiedene Direktoren des Antiquities Department kennen gelernt und inzwischen gibt es auch eine kleine Abteilung. Doch wenn ich mir den Verfall der Gebäude und der Infrastruktur in Bagamoyo ansehe, dann stimmt mich das sehr traurig.

    Frage: Sind Sie darüber informiert, ob Schweden oder auch tansanische Stellen ein stärkeres Engagement der deutschen Bundesregierung in Bagamoyo wünschen?

    Wilhelm Wiesmann: Ein solcher Wunsch wurde bisher nicht geäußert. Ich fände es aber natürlich sehr positiv, wenn durch ein deutsches Engagement ein praktisches Ergebnis erzielt werden könnte.
    Anfang der 90er Jahre habe ich einer Bitte der Deutschen Botschaft entsprochen und drei Konzepte für die Dokumentation deutscher Bauten in Tansania ausgearbeitet: Und zwar Konzepte a) für das gesamte Land, b) für den Bereich von Bagamoyo bis nach Dar es Salaam und c) für deutsche Bauten an der Wasserfront von Dar es Salaam. Aus finanziellen Gründen und bedingt auch durch die wenig unterstützenden Rolle der Denkmalschutzbehörde von Tansania sind meine Bemühungen leider im Sande verlaufen.

    Frage: Hätten Sie konkrete Vorschläge für ein deutsches Engagement in Bagamoyo?

    Wilhelm Wiesmann: Ich könnte mir z.B. sehr gut vorstellen, das ehemalige deutsche Kolonialhauptquartier in Bagamoyo, die Boma, die z.Zt. baulich sehr stark bedroht ist, zu einem "Entwicklungszentrum" einzurichten, in dem die mehr als 15 vor Ort arbeitenden Nichtregierungsorganisationen ein gemeinsames Dach finden könnten. Die Zivilgesellschaft von Bagamoyo könnte dadurch sehr effektiv unterstützt werden. Angesichts der rapide schrumpfenden Lebenserwartung der tansanischen Menschen brauchen insbesondere Kinder eine viel größere Unterstützung, um überhaupt eine Überlebenschance zu bekommen.

    "Eine Rekonstruktion und Neunutzung der Boma ist sehr leicht machbar"

    Frage: Welche Rolle spielt möglicherweise die Wahl von Außenminister Kikwete zum neuen Staatspräsidenten von Tansania? Er kommt ja immerhin aus Bagamoyo.

    Wilhelm Wiesmann: Seine Wahl könnte dazu führen, dass die Boma eine andere Funktion bekommt. Es hat in Tansania immerhin Tradition, im Herkunftsort des Präsidenten ein dominantes Gebäude zu errichten. Kikwete wurde zwar in Chalinze geboren, er ist aber in Bagamoyo aufgewachsen.
    Was die Boma betrifft, werde ich während meiner Zeit in Bagamoyo das Machbare anstreben, eine entsprechende Prioriätensetzung bei den örtlichen Behörden in Bagamoyo vorausgesetzt. Da ich alle Baupläne des Gebäudes incl. des Sparrenplanes des Daches besitze, ist eine Rekonstruktion und Neunutzung sehr leicht machbar. Ich kann dabei von meinen Erfahrungen bei dem mit deutschen Mitteln renovierten Ocean Road Hospital in Dar es Salaam profitieren. Die Boma hat jetzt über 30 Jahre lang ohne Dach in Wind und Wetter ausgeharrt - da ist ein Wiederaufbau des jetzt fehlenden Fassadenteils kein besonderes Problem.

    Frage: Wird der Gedanke eines Weltkulturerbes nach Ihren Eindrücken gegenwärtig auch von der Stadtbevölkerung von Bagamoyo unterstützt?

    Wilhelm Wiesmann: Der Normalbürger von Bagamoyo ist weitgehend damit ausgelastet, sein eigenes Überleben und das seiner Familie sicherzustellen. Weitere Gedanken sind z.Zt. eher akademischer Natur.

    Frage: Welche Projekte können Sie noch in den wenigen Wochen bis zum Auslaufen Ihres Arbeitsvertrages anstoßen?

    Wilhelm Wiesmann: Die Zustimmung der örtlichen Behörden vorausgesetzt, werde ich die Zeit für den Versuch nutzen, eine Strategie zum "Überleben" von Bagamoyo zu konzipieren . zum Überleben der noch existierenden historischen Gebäude und beispielhaft einiger spezieller Gebäude. In dieses Konzept werde ich Elemente des Stadtmarketings einweben, um dadurch sowohl die Wertschöpfung aus Fischerei und Landwirtschaft anzuheben als auch den Tourismussektor als Wirtschaftszweig stärker einzubeziehen.
    Ich werde auch erstmals in Tansania Fragebögen für Normalbürger vorbereiten, um ihre Wünsche und Erwartungen an die neue Stadtverwaltung abzufragen. Bürgerrechte und Serviceorientierung der Institutionen müssen endlich Realität werden, damit die Grundbedürfnisse der Bewohner von Bagamoyo besser befriedigt werden können.

    "Vielleicht wird die Herkunft Kikwetes aus Bagamoyo dazu beitragen, die Entwicklung im Ort positiv voranzubringen"

    Frage: Wenn Sie in wenigen Wochen Bagamoyo leider wieder verlassen müssen: Welche Impressionen aus Bagamoyo werden Sie nach Deutschland mitnehmen?

    Wilhelm Wiesmann: Gleich ist es 19.00 Uhr, und es ist natürlich draußen schon dunkel. Die Fenster in meinem Büro im alten Nassir-Vinji-Gebäude sind zur Strasse geöffnet, und ich höre die Stimmen von Kindern und Erwachsenen. Die Stimme vom Minarett ist verstummt, und auch die Trommler in der halb verfallenen Ruine auf der anderen Straßenseite sind ruhig.
    Schon vor Stunden haben die Sirenen der Begleitfahrzeuge das Kommen des möglichen zukünftigen Präsidenten angekündigt. Vielleicht wird die Herkunft Kikwetes aus Bagamoyo dazu beitragen, die Entwicklung im Ort positiv voranzubringen - wenn wir dazu die Möglichkeit bekommen. Ich bin jedenfalls sehr gerne bereit, mich für Bagamoyo einzusetzen.
    Dieses kurze Stimmungsbild macht deutlich, dass es hier noch ein städtisches Gefühl gibt, wie ich es sonst nur aus meiner Charlottenburger Wohnung in Berlin im Sommer kenne. Offene Fenster gehören für mich unbedingt dazu, um die Geräusche der Stadt zu hören, wenn ich abends noch am Tisch sitze und arbeite. Mein Arbeitsplatz hier in Bagamoyo ist damit der richtige Kontrast zu ruhigen Stunden auf einem Hochsitz inmitten der Natur in Westfalen, wo ich ursprünglich herkomme.

    Herr Wiesmann, weiterhin alles Gute in Bagamoyo und vielen Dank für das Interview!

    Das Interview führte Rudolf Blauth am 5.6.2005

    Zur Person:

    Privatfoto
    Wilhelm Wiesmann

    Wilhelm Wiesmann, geboren und aufgewachsen auf einem münsterländischen Hof in Westfalen, hat seit 1972 mehrfach für verschiedene Ministerien und Institutionen in Tansania gearbeitet und war zuständig für die Planungen der Renovierung des Ocean Road Hospitals in Dar. An der Universität Dar es Salaam war er sechseinhalb Jahre zuständig für den Ausbau der Architektenausbildung. Weitere Stationen von Wilhelm Wiesmann waren u.a. Süditalien (Investitionsplanung für die ARD im Erdbebengebiet) und Nicaragua (Planung der Norwegischen und Niederländischen Botschaft).


    "In Tansania geht es nun darum, nach den Wurzeln und den geschichtlichen Quellen zu fragen"

    Interview mit Pater Johannes Henschel

    Frage: Pater Henschel, Ihr Name ist untrennbar verbunden mit der Aufarbeitung der Geschichte von Bagamoyo. Wie lange haben Sie in Bagamoyo gelebt?

    Henschel: Von 1992-94 und von 1998 bis 2002, also insgesamt ca. sechs Jahre.

    Frage: Was war Ihr offizieller Arbeitsbereich?

    Henschel: Meine Aufgaben waren ziemlich umfassend: Von der Leitung des katholischen Museums über Orts- und Kirchengemeindearbeit bis hin zur Touristenbetreuung.

    Foto: ICOMOS
    Die Boma vor einigen Jahren
    Foto: ICOMOS
    Die Boma heute

    Frage: Viel Spaß hat Ihnen vor allem aber die Aufarbeitung der Geschichte von Bagamoyo gemacht?

    Henschel: Ja, zumal ich hier sehr gut mit der örtlichen Denkmalschutzbehörde, dem Local Department of Antiquities, namentlich Felix Ndunguru und Luca Kadeliya, zusammenarbeiten konnte. Wir haben gemeinsam eine Reihe von Ausarbeitungen zur Ortsgeschichte veröffentlicht. Außerdem gelang es beim Auswärtigen Amt in Berlin finanzielle Unterstützung in Höhe von damals 250.000 DM für die Renovierung des katholischen Missionsmuseums zu bekommen.

    Frage: Für Ihre Arbeit wurden Sie im Jahre 2002 mit dem Zeze-Award ausgezeichnet, immerhin der höchsten Kulturauszeichnung des Staates Tansania.  Ist denn die Renovierung des Museums so gelungen, wie Sie es sich vorgestellt haben?

    Henschel: Ja. Wir haben sehr gut mit der Deutschen Botschaft zusammen gearbeitet. Auch war die Arbeit des Architekten und Bauleiters Gerhard Graf hervorragend. Das neue Museum wurde schließlich im September 2001 eröffnet und vom Deutschen Botschafter dem Eigentümer, nämlich dem Bischof von Morogoro, übergeben.

    Frage: Während der Internationalen Bagamoyo-Konferenz wurde beklagt, daß zwar immer mehr weiße Touristen, aber viel zu wenig Tansanier von dem Museum Gebrauch machen.

    Henschel: Die Zahl der tansanischen Museumsbesucher hat zugenommen. Mittlerweile kommen sogar Schulklassen aus Dar es Salaam, Chalinze oder Morogoro, die in der Regel gut vorbereitet zu Themen wie z.B. Kolonialgeschichte oder Sklavereigeschichte eintreffen. Für die Grundschulen gibt es inzwischen einen Quiz-Fragebogen, der anschließend bewertet wird. Es kommen aber auch immer mehr Erwachsene. Die Besucherzahl stieg in den vergangenen Jahren immerhin von 1.500 (1992) auf ca. 15.000 (2002).
    Mittlerweile haben wir über eine örtliche Kulturstiftung (Cultural Trust Foundation) auch mehrere Stadtführer geschult. Immerhin wurden 3 Mill. TSH (ca. 2.500 EUR) für diese Aufgabe bereitgestellt.
    Dass es dennoch in der Tat noch viel zu wenig tansanische Besucher gibt, hat folgende Ursachen: Die ersten Jahrzehnte dienten den Tansaniern zur Bildung der Nation. Diese erste Phase ist abgeschlossen. In der zweiten Phase geht es nun darum, nach den Wurzeln, den geschichtlichen Quellen zu fragen.

    Frage: Ist aber die Geschichte der Sklaverei in Ostafrika nicht immer noch ein Tabu-Thema?

    Henschel: Es ist eine Frage des persönlichen Interesses. Die Nachkommen von Sklaven kennen ihre eigene Familiengeschichte und sprechen auch darüber. Die Nachfahren ehemaliger Sklavenhändler sind natürlich zurückhaltender. War die eigene Mutter möglicherweise eine Konkubine? In einem Interviewprogramm des Instituts für moderne Orientforschung in Berlin wurden 40 Personen, die älter als 60 Jahre und Nachkommen von Sklaven und Sklavenhaltern sind, interviewt. Das ging einigen ganz schön an die Nieren. Bis auf die Wazaramo, Wakwere und Wadohe sind alle anderen in Bagamoyo vertretenen dreizehn Stämme Nachkommen von Sklaven.

    Frage: Sprechen wir über konkrete Fragen der Stadtgeschichte von Bagamoyo. Als Ergebnis Ihrer historischen Forschungen müssen mehrere Reiseführer und auch die Homepage unseres Vereins (www.bagamoyo.com) umgeschrieben werden. War z.B. das ehemalige Sklavenfort tatsächlich überhaupt kein Sklavenfort? Und gab es dort auch keine Sklavenkerker?

    Henschel: Alles Legende! Hier finden wir das älteste noch existierende Steingebäude von Bagamoyo. Es wurde nach 1856 von Sultan Majid in ein Fort integriert. 1890 gelangte das Fort in den Besitz von Sewa Haji, der auch das Gebäude der Alten Deutsche Schule und das Deutsche Krankenhaus gebaut hat. Mit dem Sklavenhandel hatte er als ismaelitischer Muslim nichts zu tun. Es ging ihm um Handel mit Elfenbein, Munition oder andere Güter. Er hat das Fort 1894 an die Deutschen übergeben, damit sie dort eine Schule einrichten. Es wurde dann allerdings als Garnison benutzt und noch weiter ausgebaut. Die Engländer benutzten es nach dem 1. Weltkrieg als Gefängnis. Nach der Unabhängigkeit diente es als Polizeistation und Gefängnis. 1992/93 wurde es aus EG-Mitteln renoviert.
    Den legendären Tunnel, durch den angeblich nachts Sklaven aus dem Fort an den Strand gebracht worden sein sollen, hat man übrigens nie gefunden.

    Frage: Wo sind dann heute noch Spuren der Sklaverei anzutreffen?

    Henschel: Natürlich ist da zuerst die Karawanserei zu nennen. Über sie wurden die Sklaven zum alten Markt geführt. Unter einer Baumgruppe befand sich dort früher der Sklavenmarkt von Bagamoyo. Die Sklaven wurden nach mündlichen Überlieferungen angeblich von hier aus (nicht vom Sklavenfort!) durch einen unterirdischen Tunnel am Zollhaus vorbei zum Strand gebracht, um bei Flut nach Sansibar auf den großen Sklavenmarkt verschifft zu werden. Das Zollhaus spielte insofern eine Rolle, weil für jeden exportierten Sklaven ein Kopfgeld zu zahlen war.

    Frage: Der Hanging Tree, an den jetzt durch ein Mahnmal gedacht wird und an dem afrikanische Freiheitskämpfer von den Deutschen aufgehängt worden sein sollen, hat sich auch woanders befunden?

    Henschel: Ja. Es gibt Fotos aus der deutschen Kolonialzeit, wo Schwarze nahe des Alten Forts an einem Galgen hängen, nicht aber an einem "Galgenbaum". Zu diesem Thema gibt es auch Unterlagen im Bundesarchiv in Koblenz. An der Stelle des jetzigen "Hanging-Trees" wurden allenfalls sechs Araber erhängt, die den Bushiri-Aufstand unterstützt hatten. Ihre Ländereien wurden anschließend konfisziert.

    Frage: Das Alte Deutsche Lagerhaus neben dem Zollhaus ist auch Legende?

    Henschel: Ja. Es wurde 1889 von der deutschen Usagara-Gesellschaft gebaut und hieß "Usagara-Haus". Es hat sich nach einem Foto aus dem Jahre 1905 tatsächlich um ein Fachwerkhaus gehandelt, das Direktor Schuller von der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft gehörte. Er wohnte hier mit seiner Familie und es wurde auch von der Deutsch-Ostafrikanischen Gesellschaft genutzt. Das Haus war der Treffpunkt der deutschen Kolonie. Gretel Scheller ruht übrigens auf dem Deutschen Kolonialfriedhof in Bagamoyo.

    Von Christian Lautherborn 1891 gebautes Usagara-Haus
    Von Christian Lautherborn 1891 gebautes Usagara-Haus
    Usagara-Haus heute
    Usagara-Haus heute

    Frage: Kommen wir zu einer weiteren Legende: Kurz hinter der Travellers Lodge steht über dem Eingang zur Livingstone-Kapelle, daß Livingstone durch diese Tür getragen worden sein soll.

    Henschel: Livingstone starb 1873, sein Leichnam wurde von zwei Trägern mehrere Monate lang quer durchs Land nach Bagamoyo getragen und dort im Alten Kirchturm der Mission vom 25. auf den 26.2.1874 aufgebahrt. Diese Gedenkstätte kann man dort heute besichtigen. 700 ehemalige Sklaven haben, dies ist in Tagebüchern nachlesbar, den Sarg mit Livingstone zum Strand begleitet. Im Schatten eines Baobabs wurde eine Pause eingelegt - das ist dort, wo heute die Anglikanische Kirche steht, die es damals noch nicht gegeben hat. Deshalb kann Livingstone auch nicht durch die Kirchentür getragen worden sein.

    Frage: Welche Chancen geben Sie der Idee eines UNESCO-Weltkulturerbes ?Ostafrikanische Sklavenroute? unter Einbeziehung Bagamoyos?

    Henschel: Die Sklavenroute von Ujiji am Tanganyikasee über Bagamoyo nach Sansibar ist neben anderen Routen (z.B. über Kilwa) historisch nachgewiesen. Auf der Internationalen Bagamoyo-Konferenz 2002 waren auch Vertreter der UNESCO anwesend, z.B. Frau Ukuribido. Es ist klar, daß Bagamoyo nur die Chance hat, als Teil eines größeren "Pakets" Weltkulturerbe zu werden. Gegenwärtig ist es wichtig, eine gute Dokumentation zu erstellen. Der Antrag wird 5-6 Jahre dauern, so daß mit der Anerkennung frühestens im Jahre 2010 gerechnet werden kann.

    Frage: Für Laien ist die historische Altstadt von Bagamoyo praktisch zerstört. Experten wie Ulrich Malisius behaupten, daß aber Teile der Altstadt durchaus, allerdings mit einem hohen finanziellen Aufwand, wieder restauriert werden können.

    Henschel: Dies kann durchaus sein. Unterlagen über den früheren Bestand gibt es zumindest: Im Nationalarchiv in Dar es Salaam existiert eine Liste aller Wohnungen von Bagamoyo, in denen damals Räume anzumieten waren. Alleine in der ehemaligen Kaiserstrasse, der heutigen India Street, gab es 1908 ingesamt 72 Wohnungen. Bei durchschnittlich zwei Wohnungen pro Haus kann von 36 Häusern alleine in der Kaiserstrasse ausgegangen werden. 1968 gab es davon nur noch 28, heute sind es lediglich 20. Davon sind vier Häuser bereits zusammengebrochen. Die Zeit drängt also, die Ruinen müssten unbedingt jetzt abgesichert werden.

    Frage: In der Presse gab es kritische Stimmen?

    Henschel: Die Tageszeitung Guardian fragte nach der Konferenz, wo denn die historische Altstadt überhaupt noch zu finden sei. Dabei ist auch jetzt noch trotz des fortgeschrittenen Verfalls vieles möglich: Die Karawanserei ist für 20 Mill. TSH (ca. 15.000 EUR) renoviert worden, das Museum ist renoviert worden, das Customs-Haus wurde von den umgebenen Baumwurzeln entfernt usw. Doch es gibt auch Probleme: So befinden sich die Häuser in Privatbesitz und es müssen erst entsprechende Verhandlungen geführt werden.

    Frage: Gegenwärtig arbeiten Sie als Touristenpfarrer in Rostock. Ihre Pensionierung steht bevor. Können wir dann mit einer Fortsetzung Ihrer historischen Arbeit in Bagamoyo rechnen?

    Henschel: Es gibt da noch keine konkreten Pläne. Aber natürlich wird mich Bagamoyo nicht mehr loslassen.

    Das Interview führten Rudolf Blauth und Peter Harke am 1.10.2004 in Rostock

    Zur Person:

    Foto: Peter Harke
    Johannes Henschel

    Der gebürtige Ostpreuße Johannes Henschel, 69, Pater der Ordensgemeinschaft der Spiritaner, war viele Jahre als Journalist und Redakteur tätig. Nach seinem zweimaligen langjährigen Aufenthalt in Bagamoyo wirkt er heute auf Ersuchen des Erzbistums Hamburg in Rostock als "Urlauber-Seelsorger". Sein Nachfolger in Bagamoyo wurde Pater Gallus Marundu. Pater Henschel hat federführend in Zusammenarbeit mit tansanischen Historikern zahlreiche Ausarbeitungen zur Ortsgeschichte publiziert. Den Zeze-Award des Staates Tansania erhielt er als Ausländer für seinen "einzigartigen und herausragenden Beitrag bei der Entwicklung der tansanischen Kultur". Ein Internet-Porträt bezeichnet ihn als "Animator des Glaubens".


    Zur Aufnahme des UNESCO-Weltkulturerbes Kilwa (Tansania) auf die Liste der gefährdeten Weltkulturgüter und mögliche Auswirkungen auf das neue Weltkulturerbe

    Ein Kommentar von Ulli Malisius (Sucre/Bolivien)

    Foto: Peter Harke
    Ehemaliges Kolonialhauptquartier

    Das UNESCO-Weltkulturerbe Kilwa/Songo Mnara in Tansania ist auf die Liste der "Monuments in Danger" der UNESCO, der gefährdeten Weltkulturgüter, aufgenommen worden. Kilwa stand bereits Ende der 90er Jahre auf einer Liste "Monuments in Danger", wobei es sich damals allerdings nicht um eine UNESCO-, sondern um die Liste einer Nicht-Regierungsorganisation gehandelt hat. Die Gründe waren aber die gleichen.

    Dass Kilwa jetzt auch auf der UNESCO-Liste steht, obwohl seit Ende der 90er Jahre die französische Botschaft durchaus substantielle Hilfe geleistet und das tansanische Department of Antiquities schon vor vielen Jahren eine Projektgruppe eingerichtet hatte, könnte sich jetzt möglicherweise negativ für die Bemühungen um die Einrichtung eines neuen UNESCO Weltkulturerbes "Ostafrikanische Sklavenroute" unter Einbeziehung von Bagamoyo auswirken.

    Durch den fahrlässigen Umgang mit Kilwa könnten die staatlichen Stellen Tansanias bei der UNESCO wichtigen Kredit verspielt haben. Neben den bekannten inhaltlichen Schwächen fehlt für Bagamoyo jetzt möglicherweise auch noch die administrative und organisatorische Glaubwúrdigkeit der zuständigen Behörden Tansanias. Die UNESCO wird sich schwer tun und nicht nur aus europäischer Sicht auch unklug verhalten, wenn sie beim Verfall und der Bedrohung Kilwas als Denkmal gleichzeitig die Aufnahme von Bagamoyo akzeptieren oder zumindest in Aussicht stellen würde. Argumente einer Überforderung des Department of Antiquities würden wieder stärker ins Gewicht fallen.

    Es ist nun durchaus denkbar, daß die UNESCO den tansanischen Behörden signalisiert: Bringt erst Kilwa in Ordnung, dann können wir über die Aufnahme eines neuen UNESCO-Weltkulturerbes "Bagamoyo/Ostafrikanischen Sklavenroute" verhandeln bzw. entscheiden. Vor allem die schwedische Entwicklungshilfe hat in den vergangenen Jahren sehr viel Geld und Energie in das Thema "Bagamoyo" gesteckt. Es ist nun an der Zeit, dass sich die Regierung Tansanias nicht hauptsächlich auf europäisches Engagement verlässt, sondern auch durch eigene Anstrengungen in Sachen Kilwa wieder ihre Glaubwürdigkeit gegenüber der UNESCO herstellt und dadurch auch gleichzeitig den Boden für ein weiteres Kulturerbe bereitet.


    Weltkulturerbe als Jahrhundertziel

    Das Erbe Bagamoyos in Tansania

    Von Fritz Gleiss am 7.6.2003

    Im September 2002 versammelten sich im tansanischen Bagamoyo, der ersten Hauptstadt des kolonialen Deutsch-Ostafrikas, über hundert Experten, um die Berufung des historisch und kulturell bedeutsamen Fischerorts zum Weltkulturerbe der UNESCO voranzutreiben.

    Tansania ist Spitze. Touristisch mit Serengeti, Kilimandscharo und Sansibar sowieso, aber auch kulturell. Sechs Stätten auf der UNESCO-Liste des Welterbes bringen das Land in Afrika südlich der Sahara auf Rang zwei, deutlich vor Kenia, Südafrika oder auch dem Senegal. Eine siebte Erwähnung würde den Gleichstand mit Äthiopien bringen. Als "Ziel des Jahrhunderts" dazu auserkoren haben schwedische und tansanische Fachleute das Fischerörtchen Bagamoyo am Indischen Ozean. Es soll Ausgangspunkt eines Gesamterbes "Ostafrikanische Sklavenroute" werden, die über Tabora bis nach Ujiji an den Tanganyika-See führen könnte. Ein ähnliches Projekt stieß in Westafrika auf überraschendes Interesse.

    Noch befinden sich unter den Welterbestätten Tansanias mehr Natur- denn Kulturdenkmäler, wie fast allerorts in Afrika. Neben der Serengeti sind das der Ngorongoro-Krater, der Kilimandscharo und das riesige Selous-Schutzgebiet. Seit 2000 aber zählt auch Sansibars "Stonetown" dazu, und bereits 1981 wurden die Ruinen der größten vorkolonialen Bauten südlich der Sahara in Kilwa Kisiwani aufgenommen. Die Gegend um Bagamoyo, das nur wenige Kilometer nördlich der mehr als 800 Jahre alten Ruinen von Kaole liegt, gilt ähnlich der um Kilwa als eine Wiege der Kiswahili-Kultur. Die Aufnahme in die UNESCO-Liste würde dem Trend folgen, endlich auch in Afrika mehr Beiträge zur kulturellen Evolution anzuerkennen.

    "Lass dein Herz zurück"

    Universelle Bedeutung erlangt Bagamoyo nicht dadurch, dass die Deutschen den Ort von 1887 bis 1891 zur ersten "Hauptstadt" ihres ostafrikanischen Kolonialabenteuers machten. Vielmehr kreuzten sich hier jahrhundertelang die Wege von Elfenbeinhändlern, Jägern und Sklavenfängern aus Indien, Arabien und Europa, schließlich auch Missionaren. Spätestens seit der Sultan von Oman 1832 die in Sichtweite vor der Küste liegende Insel Sansibar zum Herrschersitz erkor, verschaffte der Sklavenhandel Bagamoyo traurige Berühmtheit. Die Bedeutung des Ortsnamens zeugt davon bis heute: "Lass dein Herz zurück!"

    Unzählig viele aus dem Hinterland geraubte Afrikaner wurden von Bagamoyo aus als Sklaven auf die sansibarischen Nelken- und französischen Zuckerinseln vor Ostafrikas Küste und nach Arabien verschifft, um den Reichtum des Sultans von Sansibar zu mehren. Darüber fehlt bis heute Material. Auf den Stundenplänen der Schulen wie auch im örtlichen Missions-Museum steht eher die rühmliche Beteiligung von Europäern wie David Livingstone bei der Beendigung des zynischen Geschäfts im Blickpunkt. Dass die von Missionaren aus der Sklaverei freigekauften Menschen nicht etwa repatriiert wurden, sondern schlicht den "Master" wechselten und unter ähnlich harschen Bedingungen nun für "Weiße Väter" und andere Missionen zu arbeiten hatten, bleibt meistens unerwähnt. Daran könnte Bagamoyos Anerkennung als Teil des Weltkulturerbes "Sklavenroute" vielleicht etwas ändern. Bislang scheut Tansanias Öffentlichkeit den kritischen Blick auf Europas Rolle beim Sklavenhandel ebenso wie auf den Kolonialismus.

    Das architektonische Erbe

    Bagamoyos Gegenwart ist geprägt von Verfall und Aufbruch zugleich. Das große Maß an Armut, Arbeits- und Chancenlosigkeit stellt landesweit nichts Besonderes dar. Dieses Jahr aber wird endlich die asphaltierte Straße zwischen Bagamoyo und Dar es Salaam fertig, was die Anreise aus der 70 Kilometer entfernten Metropole erstmals komfortabel macht. Allein sechs Hotels internationalen Standards haben in den letzten Jahren die feinsandig-weißen Strände Bagamoyos erobert, stehen wochentags jedoch meist leer. Touristische Aufmerksamkeit, wie sie ein Weltkulturerbe mit sich bringt, könnte sie beleben. Ein siebtes Hotel mit über 100 Betten soll mit Blick auf die ersehnte UNESCO-Weihe 2005 eröffnen.

    Ob dann allerdings von der historischen Bausubstanz noch genug übrig ist, um das kulturelle Erbe zu erleben, ist fraglich. Denn zeitgleich mit der touristischen Erschließung verfielen immer mehr Stein- und Korallenhäuser inmitten des ehemals beeindruckenden Ortskerns mit Ostafrikas erster Kirche, Palästen, Verwaltungsgebäuden, Karawanserei und Moscheen. Nur noch fünfzig von vormals über hundert historischen Gebäuden sind heute bewohnt.

    Das architektonische Erbe Bagamoyos, das mit Polizeiwache, Fort, Postamt, Schule, Zoll- und Krankenhaus, Missionsstation, Kirche und Verwaltungsgebäuden stärker als irgendwo sonst im Land die deutsche Kolonialgeschichte spiegelte, droht zu versinken. Ein besonderes Interesse am Erhalt zeigt weder Deutschland noch Tansania. Bagamoyos "Boma", das ausladende ehemalige deutsche Verwaltungshauptquartier, stürzte vor einigen Jahren ein. Mit schwedischen Mitteln notgesichert, könnte es nur mit großem Aufwand wiederaufgebaut werden. Geldmangel und ein fehlendes Nutzungskonzept gelten als Begründung, warum Deutschland sich hier zurückhält. Vom tansanischen Staat kommt kein Cent.

    Dabei ist Bagamoyo schon seit 15 Jahren Anwärter für die UNESCO-Liste. Nachdem unter dem letzten "Conservation project" aufgrund der grassierenden Korruption Mitte der 90er Jahre nur zwei von fünf zu renovierenden Gebäuden fertig gestellt wurden, schien jede Hoffnung erloschen. Auch das Beispiel Kilwas, dessen Ruinen ungeachtet des UNESCO-Status unter der wuchernden tropischen Vegetation zu ersticken drohen, macht wenig Mut. Hauptmakel ist das Fehlen eines integrierten Entwicklungsplans, der kommunale Entwicklung mit kultureller Entfaltung verknüpft, ein Plan, unter dem die Menschen sich ihrer Vergangenheit und Zukunft selbst bemächtigen.

    Seit dreißig Jahren arbeitet die schwedische Entwicklungshilfeorganisation SIDA an solch einem Konzept, bisher vergeblich. Das lokale Erhaltungsinteresse und die Einbeziehung der örtlichen Bevölkerung blieben gering. Daran sollte eine dreitägige, von SIDA finanzierte Konferenz mit 120 Beteiligten im September 2002 rütteln. Erstmals saßen Verwaltung, akademische Fachleute aus dem In- und Ausland und ausgewählte Honoratioren an einem Tisch, ohne offizielle deutsche Beteiligung. Bagamoyos UNESCO-Bewerbung geriet in die Schlagzeilen, öffentlich bekannte sich sogar Außenminister Jakaya Kikwete zu ihr. Indes auch in diesen Tagen gab es viel zu viele Einheimische, die vom Inhalt der Konferenz nichts mitbekamen.

    Der Hauptforderung schwedischer Konferenzteilnehmer - die Altstadt graduell wieder aufzubauen "mit einem Mix von alt und neu und dem Ziel, Tradition und Moderne zu bündeln, um eine lebendige Stadt zu kreieren" - bleibt theoretisch. Ohne Privatkapital fehlt jede Chance auf Verwirklichung, ohne einheimische Macht, "Tradition und Moderne" allein zu definieren, die Chance auf Entwicklung. Deutschlands Botschafter Enno Barker verweist zu Recht auf die "schwierige Balance an der Grenze zur Fremdbestimmung", die es auch bei der Forderung nach Bagamoyos Aufnahme in die UNESCO-Welterbeliste zu halten gelte. Noch habe die tansanische Seite eine "eher diffuse Vorstellung davon, was sie selber dazu beitragen" müsse. Die deutsche dagegen scheint klarer: Nichts.

    Der Politologe FRITZ GLEISS arbeitet als Journalist in Hamburg. Er publiziert seit 1982 Bücher und Artikel zu Ostafrika.


    "Einbeziehung von Kulturmaßnahmen in die Entwicklungszusammenarbeit nur sehr schwer möglich"

    Auszüge aus einem Gespräch von Ulli Malisius mit dem Botschafter der Bundesrepublik Deutschland in Tansania, Dr. Enno Barker

    Malisius: Deutschland ist als ehemalige Kolonialmacht in Tansania weniger präsent als Großbritannien, das bekanntlich bei der Gründung des Staates Tansania Geburtshilfe geleistet hat. Ich habe den Eindruck, dass sich Deutschland bei der Auseinandersetzung mit seiner kolonialen Vergangenheit stark zurückhält.  Dies sieht bei anderen europäischen Ländern ganz anders aus. So nimmt z.B. Spanien in Lateinamerika (obwohl dort als ehemalige Kolonialmacht gar nicht so beliebt wie die Deutschen in Tansania) eine ganz andere, positive Haltung ein.

    Dr. Barker: Ich teile Ihre Prämisse nicht, dass sich Deutschland in Tansania nicht als ehemalige Kolonialmacht zu erkennen gibt. Erstens: Die britische Kolonialzeit (1916 de facto bis 1961) hat viel länger gedauert als die deutsche (1887 bis de facto 1916). Zweitens: Es waren nicht die Deutschen, sondern die Briten, die  Tanganyika in die Unabhängigkeit entlassen haben. Sie stehen daher auch in einem viel direkteren Verhältnis zum tansanischen Staat.
    Ich brauche Ihnen aber als Architekten und Kenner dieses Land sicher nicht zu sagen, dass Deutschland z.B. architektonisch in diesem Land viel mehr vertreten ist als Großbritannien. Es gibt viel mehr prägende und prominente Bauten aus der deutschen als aus der britischen Kolonialzeit.
    Die Behauptung, wir Deutsche versuchten uns von unserer kolonialen Vergangenheit zu distanzieren, hat einen richtigen und einen taktischen Hintergrund: Der richtige Hintergrund ist der, dass wir ja alle damit aufgewachsen sind, dass Kolonialismus etwas Negatives ist. Auch wenn Deutschland im europäischen Vergleich nur eine sehr kurze koloniale Geschichte gehabt hat, dann legen wir dieses Kapitel eher in die Schmuddelecke unserer historischen Tradition. Wir sind nicht stolz darauf, dass wir in Ostafrika etwas aufgebaut haben, zumal die Art und Weise, wie wir uns in den Besitz bestimmter Territorien gebracht haben, nicht ganz lupenrein war.
    Der taktische Hintergrund ist der, dass die Tansanier uns ganz gerne mit dem Vorwurf des Nicht-Bekennens zur Kolonialvergangenheit konfrontieren - damit aber meinen, dass wir nicht jedes mal in die Tasche greifen, wenn ein ehemaliges deutsches Gebäude renovierungsbedürftig ist. Ich muß ganz schlicht sagen, dass wir dazu nicht in der Lage sind.

    Malisius: Stichwort „Kolonialarchitektur“: Sie haben persönlich im März 2000 das Ocean Road Hospital wiedereröffnet, dessen Renovierung aus Deutschland finanziert worden ist. Mir wurde berichtet, dass Sie damals sehr deutlich darauf hingewiesen haben, dass nach der Übergabe die Tansanier die Verantwortung für den laufenden Betrieb und die zukünftige Instandhaltung hätten. Können Sie nach nunmehr fast drei Jahren schon einen Bilanz ziehen?

    Dr. Barker: Ich habe in der Tat das Ocean Road Hospital in Dar es Salaam nach erfolgter Renovierung, die sich über die Amtszeiten mehrerer Botschafter hingezogen hat, persönlich an den tansanischen Präsidenten übergeben. Die Übergabe war mit der Mahnung verbunden, dass nunmehr die deutsche Verantwortung endet und die tansanische Verantwortung beginnt. Denn das Hospital ist äußerst liebevoll renoviert worden, mit einer großen Liebe zum Detail und in dem Bemühen, den ursprünglichen Zustand wieder herzustellen. Sogar die wurmstichigen ursprünglichen Dachbalken von 1897 wurden nicht etwa ersetzt, sondern sorgfältig mit Insektenvernichtungsmitteln behandelt. Die ursprünglichen Fliesen sind weitgehend durch alte Fliesen aus derselben Zeit ergänzt worden. Wir fanden hierzu in den Deutschen Kolonialarchiven eine Korrespondenz zwischen der deutschen Kolonialverwaltung in Dar es Salaam und dem Reichskolonialministerium über die zweckmäßige Form der Bodenfliesen, ob viereckig, sechseckig, achteckig. Mein Appell an die Bewahrung des Gebäudes hatte dann auch einen prompten Erfolg insofern, als mir der tansanische Gesundheitsminister bei der Eröffnung erwiderte: “Seien Sie unbesorgt, wir haben für den Bauerhalt und für laufende Renovierungsarbeiten sogar schon Mittel in unserem Haushalt bereitgestellt”. Noch Monate später sagte der Staatspräsident jedesmal, wenn er mich sah: “Seien Sie unbesorgt, Ocean Road Hospital strahlt noch immer!” Ich war seitdem öfter im Gebäude und kann sagen, dass dies zwar vielleicht kein exemplarischer, aber ein erfolgreicher Fall von Renovierung ist.

    Malisius: Die französische Botschaft engagiert sich mit ihren Fachorganisationen schon längere Zeit in Kilwa für die Erhaltung der dortigen Kulturdenkmäler. Die schwedische Botschaft und SIDA (Swedish International Development Aid)  konzipieren gerade mit dem tansanischen Department of Antiquities ein 3-Jahres-Programm für die integrierte Entwicklung von Bagamoyo, der ersten Kolonialhauptstadt von Deutsch-Ostafrika. Die Arbeit der Schweden in Bagamoyo hat dabei schon Tradition: SIDA hat z.B. vor wenigen Monaten ein Notsanierungsprogramm unterstützt, das sechs historische Gebäude ausbesserte und mit einem Dach versah: Die alte deutsche Boma (die vor weiterem Einsturz gesichert wurde), das alte deutsche Postamt, das Büro des District Commissioners,  die Karawanserei, das alte deutsche Zollhaus (das von der überwuchernden Vegetation befreit wurde) und die in deutscher Zeit erbaute Sewa Haji Schule (jetzt Mwambao Primary School). Andere Länder und andere Botschaften und Organisationen sind also bereit, sich mittelfristig und auch längerfristig in diesen Bereichen zu engagieren.

    Foto: Peter Harke
    Deutscher Kolonialfriedhof

    Malisius: Auf deutscher Seite ist dies offenbar schwierig, von punktuellen Projekten wie das Museum in Bagamoyo oder das Ocean Road Hospital abgesehen. Worin besteht das Problem, in diesen Bereichen ebenfalls mittel- oder langfristig zu planen?

    Dr. Barker: Natürlich gibt es Probleme mit der Finanzierung. Als Deutsche Botschaft haben wir bzgl. weiterer Gebäuderestaurierungen von deutschen Behörden mehrmals die Antwort bekommen: “Wir haben uns mit der Renovierung des Ocean Road Hospitals völlig verausgabt, ähnliche Projekte dieser Größenordnung sind bis auf weiteres mit Sicherheit nicht möglich.“
    Auf der anderen Seite könnten wir natürlich eine mittelfristige Vorstellung davon entwickeln, welche Gebäude in welchen Zustand gebracht werden und welchem Zweck sie dienen sollen. Die Frage ist allerdings: Wäre dies nicht ein kolonialer Rückfall? Mit welcher Berechtigung zerbrechen wir uns nach über 40 Jahren Unabhängigkeit an Stelle der Tansanier den Kopf darüber, welches Gebäude in welchem Komplex welche Funktion haben soll? Was hat dies mit Selbstbestimmung der Tansanier zu tun?
    Auch wenn es um eine bescheidene Unterstützung von Renovierungsmaßnahmen geht, dann steht und fällt dies damit, dass die Tansanier in der Lage sind, uns zu beschreiben, was denn mit dem renovierten Gebäude anschließend passieren soll - Bürokraten nennen dies ein Nutzungskonzept. Ein solches Konzept kann oft leider  nicht vorgelegt werden.
    Im Übrigen: Ich finde nicht, dass wir gegenüber anderen westlichen Nationen - Sie haben die Schweden und die Franzosen genannt, man könnte auch noch die Niederländer hinzufügen, die sich auch in Bagamoyo engagiert haben - sehr abfallen. Was wir in die Renovierung des Ocean Road Hospital gesteckt haben, ist wirklich ein großer Brocken gewesen. Wir reden von fast 7 Millionen DM, die diese Maßnahme den deutschen Steuerzahler gekostet hat! Wir haben inzwischen - zugegeben in wesentlich bescheidenerem Rahmen - auch noch das sogenannte Schwesternhaus der Missionsstation von Bagamoyo renoviert. Ich habe dies im September 2001 dem katholischen Bischof von Morogoro als rechtmäßigen Eigentümer nach erfolgter Renovierung übergeben. Da gab es das Nutzungskonzept eines landeskundlichen und historischen Museums, liebevoll aufgebaut von dem deutschen Pater Johannes Henschel, der leider inzwischen nach Deutschland zurückgekehrt ist.
    2002 haben wir mit ziemlichem Aufwand ein deutsches Gebäude in Tanga, nämlich die Bombo Primary School renoviert. Teilweise wurde der alte Zustand wieder hergestellt, teilweise die Schule ausgebaut, damit sie ihrer Bestimmung besser gerecht wird.

    Malisius: Noch einmal zur Finanzierung: Es gibt bilaterale Regierungsverhandlungen zwischen Deutschland und Tansania, die alle zwei Jahre stattfinden, demnächst wieder im Frühjahr 2003. Da werden die großen Finanztöpfe verteilt, da einigt man sich auf Prioritäten natürlich vor allem bei den vorrangigen „harten“ Themen wie Gesundheit, Armutsbekämpfung, Infrastruktur, Erziehung usw.
    Wäre es nicht denkbar, auch einmal das Thema „Kultur“ mit spezifischen Programmen und Vorstellungen in diese Regierungsverhandlungen einzubringen? Mit dem Ziel größerer Mittel und größerer Kontinuität in diesem Bereich? Ist das so undenkbar - oder  liegt das daran, dass die Tansanier nicht selbst Vorschläge auf den Tisch legen? Sehen Sie irgendeine Chance, das Thema “Kultur“ im Rahmen dieser Verhandlungen zu konkretisieren und Projekte in die Wege zu leiten?

    Dr. Barker: Es ist richtig, dass wir voraussichtlich wieder im Frühjahr 2003 diese Regierungsverhandlungen durchführen werden. Wir haben inzwischen verabredet, zukünftig einen Drei-Jahres-Rhythmus einzuführen, d.h. im nächsten Frühjahr verabreden wir die bilaterale Zusammenarbeit für die Jahre 2003, 2004 und 2005.
    Ihre Vorstellung einer Einbeziehung von Kulturmaßnahmen in die mittelfristige Zusammenarbeit verkennt zwei Dinge: Bei diesen Regierungsverhandlungen geht es um Prioritäten und Finanzierungen in der entwicklungspolitische Zusammenarbeit. Diese Gelder kommen aus dem Etat des Bundesministeriums für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Nach der deutschen Kameralistik hat das BMZ natürlich keine Mittel zur Verfügung, die für kulturelle Projekte in Anspruch genommen werden können. Die auswärtige Kulturpolitik ist beim Auswärtigen Amt angesiedelt. Deshalb haben wir uns z.B. die Mittel für die Renovierung des Schwesternhauses in Bagamoyo vom Auswärtigen Amt geholt. Schon aufgrund dieser administrativen Einschränkungen können wir also bei den Regierungsverhandlungen nicht über Kultur und kulturelle Zusammenarbeit reden.
    Außerdem ein etwas ketzerischer Gedanke: Ist in einem Land wie Tansania, in dem so viele Leute unterhalb der Armutsgrenze leben, das Geld in der Gesundheitsvorsorge nicht besser untergebracht als bei der Renovierung eines 120 Jahre alten Gebäudes?

    Malisius: Kulturförderung muß ja nicht immer nur als Renovierung alter Gebäude begriffen werden, dies wäre ein sehr enges Verständnis von Kultur. Immer mehr Länder, vor allem die skandinavischen, sehen Kultur inzwischen als integrativen Bestandteil von „Community Development“, d.h. es gibt keine Fortschritte in der Landwirtschaft oder in der Wirtschaft, wenn es nicht gleichzeitig eine Entwicklungsmöglichkeit für die Menschen im kulturellen Bereich gibt. Selbst die Weltbank hat inzwischen das Thema „Kultur“ stärker in ihre Development Programme einbezogen. Ich glaube, man muß da nur die Perspektive ändern und erkennen, dass Kultur nicht nur die Restaurierung von Gebäuden bedeutet, sondern ein umfassenderer Begriff  ist und mit lokalen Entwicklungsprozessen kombiniert werden kann. SIDA macht das in Bagamoyo vor: es gibt dort kein Programm, das Geld nur in die Gebäude steckt (was natürlich eine wichtige Komponente sein kann), sondern das Programm der Schweden ist viel umfassender. Es ist ein Community Development Programme, zu dem z.B. auch Armutsbekämpfung gehört.
    Bei den großen Töpfen, die ein Land wie die BRD zur Verfügung stellt, ist doch eine Summe von 1-3 Millionen EUR für einen Zeitraum von drei Jahren absolut zu verkraften und schadet auch nicht anderen Schwerpunkten wie z.B. dem Gesundheitswesen. Dies ist doch alles nur eine Frage der richtigen Integration, der Förderung des Entwicklungsprozesses insgesamt!

    Dr. Barker: Ich verstehe schon, was Sie meinen. Wahrscheinlich sind wir gegenüber den Schweden, die Sie hier mehrfach angeführt haben, gehandicapt.
    Zum einen dadurch, dass es bei uns eine sehr starke Aufteilung der verschiedenen verfügbaren Budgets gibt, was dazu führt, dass das BMZ nur sehr eingeschränkt auf kulturelle Zielsetzungen ansprechbar ist.Zum anderen sind wir dadurch gehandicapt, dass wir bekanntlich ein föderal strukturierter Staat sind, in dem (so steht es im Grundgesetz) Kultur eigentlich Sache der Bundesländer ist. Sie wissen, dass sich die Bundesregierung recht mühsam eine kulturpolitische Zuständigkeit sichert, dass es mittlerweile immerhin einen Staatsminister für Kultur beim Bundeskanzler mit sozusagen gesamtstaatlicher Zuständigkeit gibt. Dies ist eine neue Entwicklung.Dass es eine Zuständigkeit des Auswärtigen Amtes für auswärtige Kulturpolitik gibt, bedeutet nun aber nicht, dass das Auswärtige Amt ein Kulturministerium mit einem großen einschlägigen Etat wäre. Die Mittel sind hier sehr beschränkt. Schon die Mittel für die Renovierung des Schwesternhauses in Bagamoyo in Höhe von ca. 250.000 DM konnten wir nur mit einem Haushaltstrick, nämlich der Verteilung auf mehrere Haushaltsjahre, bereitstellen. Anders wäre es nicht gegangen. Das gibt Ihnen eine Vorstellung davon, in welch engem Gehäuse wir operieren.

    Malisius: Das bestätigt meine Auffassung, dass hier der Kulturbegriff politisch sehr eng definiert wird. In Zusammenhang mit Entwicklungshilfe sollte er erweitert und neu überdacht werden. Natürlich haben Sie Recht in Ihrer Schilderung der verschiedenen Töpfe, aber letztendlich ist es ja eine politische Entscheidung, wie die Gelder verwendet und welche Strategien gewählt werden.

    Dr. Barker: Sie haben Recht, wenn Sie sagen dass dies eine politische Entscheidung ist - und zwar eine Entscheidung, die mit Sicherheit nicht die Botschaft und auch nicht der einzelne Minister des Auswärtigen oder die Bundesregierung treffen. Die Haushaltsmittel werden in ihrer Zweckbestimmung vom Bundestag definiert. Es ist schwierig, Traditionen in dem Sinne zu verändern, wie Sie das skizziert haben.

    Malisius: Ein ganz konkreter Vorschlag, wie man neue Impulse in diese Diskussion vor allem in Tansania bringen könnte - Impulse für die Tansanier, aber auch für uns: Es gibt ICOMOS (International Council on Monuments and Sites), eine internationale NGO, sozusagen der weltweite Dachverband der Denkmalpflege, eine Organisation, die die UNESCO berät, z.B. in Fragen des Weltkulturerbes. In den vergangenen vier Jahren war der Präsident von ICOMOS ein Deutscher, nämlich Professor Petzet aus München. Im Dezember 2002 fand in Madrid die letzte Generalversammlung statt, auf der er sich für die nächsten vier Jahre zur Wiederwahl gestellt hat…

    Dr. Barker: …er ist wiedergewählt worden.

    Malisius: Prima, freut mich sehr. Ich habe schon vor eineinhalb Jahren Prof. Petzet vorgeschlagen, er möge doch einmal nach Tansania kommen, um den Tansaniern Anregungen zu geben bzgl. ihrer Kulturverwaltung und  ihrer Kulturarbeit. Andererseits könnte er hier auch mit eigenen Augen die koloniale deutsche architektonische Vergangenheit kennenlernen. Die ist ihm nämlich ziemlich unbekannt. Und natürlich könnte sein Besuch Impulse geben und den kulturellen Austausch fördern, z.B. durch Vorträge. Ich habe auch mit dem Director of Antiquities, Donatius Kamamba, darüber gesprochen, der auch ICOMOS-Mitglied ist, und der sehr gerne bereit ist, Prof. Petzet zu empfangen. So eine Reise würde mit sehr großer Wahrscheinlichkeit von ICOMOS oder ICCROM (International Centre for the Study of Preservation and Restoration of Cultural Property, Rom) finanziert werden, d.h. ein großer Kostenaufwand wäre damit nicht verbunden. Aber wir bräuchten eben eine offizielle Einladung vom Department of Antiquities, vielleicht in Zusammenarbeit mit der Deutschen Botschaft. Vielleicht könnte ja die Botschaft signalisieren, dass sie gerne behilflich wäre beim Arrangement, beim Organisieren der Vorträge und der Diskussionsveranstaltungen, bei der Begleitung während seiner Rundreise in Tansania. Man könnte mit dem ICOMOS-Präsidenten sehr viele Dinge vor Ort diskutieren, Meinungen austauschen und quasi eine „Gratis-Expertise“ bekommen - er arbeitet ja ehrenamtlich und ist einer der welt-besten Experten, auch ein hervorragender Vertreter des kulturellen Lebens in Deutschland. Durch so einen Besuch mit einem solchen Programm könnten hier sehr viele Impulse kommen!

    Dr. Barker: Mit der Vorstellung, dass wir bei einem solchen Besuch Hilfestellung leisten, habe ich überhaupt keine Schwierigkeiten. Es ist ein vorzüglicher Anknüpfungspunkt, dass der Präsident von ICOMOS ein Deutscher ist. Natürlich können wir zusammen mit den Tansaniern einen solchen Besuch auf die Beine stellen - unter einer Voraussetzung: zusammen mit den Tansaniern. Es ist meine ständige Erfahrung, dass solche Dinge nicht klappen, wenn sie den Tansaniern sozusagen von außen aufs Auge gedrückt werden. Mit andern Worten: Ich möchte zunächst einmal wissen, ob das tansanische Interesse an einem solchen Besuch mindestens ebenso groß ist wie unseres.
    Wir erleben leider immer wieder, dass Tansanier uns mit irgendwelchen Wünschen konfrontieren und sehr fordernd sind, bis sich herausstellt, dass sie eine Reise organisieren, einen förmlichen Antrag stellen, eine Kostenaufstellung oder was auch immer machen müssen - dann herrscht plötzlich Funkstille, und sie sind über ein Jahr lang nicht in der Lage, auf ihrer Seite die Voraussetzungen zu schaffen.
    Deswegen sage ich vorsorglich: Wenn die Tansanier ehrlich interessiert sind an diesem Besuch, dann wird er an dieser Botschaft nicht scheitern.

    Malisius: Gegenwärtig läuft mit der Unterstützung Schwedens ein Verfahren, Bagamoyo auf die UNESCO-Liste des Weltkulturerbes zu bekommen, und zwar nicht Bagamoyo als isolierter Ort, sondern als Bestandteil des umfassenden Themas „Sklavenroute“.
    Auch hier taucht wieder das Problem auf, dass es mehr die Schweden sind, die dieses wollen, als die…

    Dr. Barker: …Deutschen, wollen Sie sagen?

    Malisius: Nein, als die Tansanier.

    Dr. Barker: Voilà! Dann sind wir auf der gleichen Wellenlänge. Die Tansanier haben eine eher diffuse Vorstellung davon, a) was es bedeutet, in das UNESCO-Weltkulturerbe aufgenommen zu werden und b) was sie selber dazu beitragen müssen. Das ist einer der Fälle, wo ich finde, dass wir gefährlich an der Grenze zur Fremdbestimmung balancieren.

    Malisius: Ich bin da vollkommen mit Ihnen einig, ich sehe das genauso. Auf der anderen Seite sehe ich aber auch die Notwendigkeit dieses Verfahrens. Ich habe in Bagamoyo gelebt, ich habe gespürt, wie das Erbe der Sklaverei in den Knochen der Leute steckt, ich habe das tagtäglich erlebt. Ich weiß auch: Wenn sie sich mit dem Thema nicht beschäftigen, ihrer Vergangenheitsbewältigung, wenn man so will, dann werden sie nie aus dieser Mentalität herauskommen. Von daher sehe ich diesen Ansatz, bei allen Gefahren die damit verbunden sind, auch als Notwendigkeit. Die Tansanier müssen sich mit diesem Thema auseinandersetzen, und es ist eine Chance, die man nutzen sollte. Ich meine, Deutschland sollte das Verfahren schon unterstützen, aber man sollte natürlich auch genau hinsehen, wie die Dinge laufen.

    Herr Botschafter Dr. Barker, vielen Dank für das Gespräch!

    Das Gespräch führt Ulrich Malisius für den Freundeskreis Bagamoyo e.V. und für tanzania-network.de am 20.12.2002 in der Deutschen Botschaft in Dar es Salaam

    Zur Person:

    Dr. Enno Barker
    Geb. am 21.10.1939 in Pirna/Elbe. Verheiratet, 2 Kinder. Studium der Politischen Ökonomie, Russisch, Englisch und Politik. Tätigkeit u.a. an den Deutschen Botschaften in Moskau (Russland), Jakarta (Indonesien) und Washington (USA) sowie im Bundeskanzleramt und im Auswärtigen Amt.  Leiter der Presseabteilung der Deutschen Botschaft in Moskau. Seit Oktober 1999 Botschafter in Tansania.

    Ulrich Malisius
    51, Dipl.-Ing. Architekt und Stadtplaner, Diplom-Technologie in den Tropen, Gutachter und Berater für Ghadames/Libyen und Sanaa/Jemen (World Heritage Städte), Stadtkonservator in Roros/Norwegen (World Heritage Stadt), 1981-87 Stone Town Conservation Zanzibar (DED), 2000-01 Boma Conservation Bagamoyo (DED), z.Zt. als CIM-Integrierter Experte in Sucre, Bolivien (kommunale Dezentralisierung), Mitglied des Freundeskreises Bagamoyo e.V. Veröffentlichung: "The Stone Town of Zanzibar", 1985


    "Die Sklaverei in Ostafrika hat als Thema eines Weltkulturerbes wirklich eine gute Chance!"

    Interview mit Mwalim A. Mwalim, Generaldirektor der "Stone Town Conservation and Development Authority Zanzibar", über die Situation und Zukunft von "Stonetown Zanzibar" und einem "Weltkulturerbe Bagamoyo"

    Foto: Peter Harke
    Katholische Mission

    Frage: Herr Mwalim, schildern Sie uns doch bitte einmal etwas ausführlicher die aktuelle Situation des UNESCO-Weltkulturerbes "Stonetown Zanzibar".

    Mwalim: "Stonetown Zanzibar" ist Teil der Stadt Zanzibar, Teil der Insel. "Stonetown" ist sozusagen eine Hauptstadt in der Hauptstadt. Mehr als 75 % aller Regierungsgebäude befinden sich in "Stonetown" sowie sechs Museen. Hier gibt es das wichtigste Krankenhaus, den Hafen, alle Kinos der Stadt und die Einkaufsstraßen. Das einzige, was nicht in "Stonetown" liegt, sind das Fußballstadion und der Flughafen.
    Das ist die historische Stadt, die es zu sanieren gilt. Hier leben auf der Basis der Volkszählung von 1988 16.000 Einwohner. Das Ergebnis einer neuen Volkszählung liegt übrigens bald vor. Darüber hinaus gibt es eine große Fluktuation von Bewohnern, die schwer zu zählen sind und die täglich wechseln, z.B. Geschäftsleute, Touristen oder Schüler. Wenn in "Stonetown" ins-gesamt nur 16.000 Menschen leben würden, wäre alles kein Problem. Aber sicherlich kann man aber noch einmal 8.000 hier wechselnd lebende Menschen hinzuzählen.
    "Stonetown" hat grundsätzlich ein sehr großes Potential, sich auf die eigenen Beine zu stellen. Gefährlich wird es eigentlich erst dann, wenn sich alles unter dem Primat der Ökonomie ent-wickelt, wenn sich die Stadt von einer Wohnstadt wegentwickelt.
    Ihnen muss klar sein, dass die Regierung selbst nicht renovieren kann. Hierfür fehlen ihr sämtliche Mittel. Sie kann nur auf private Investoren einwirken. Die Situation polarisiert gegenwärtig in Shangani: Hier bieten die meisten der insgesamt 1700 historischen Gebäude gute Bedingungen. 1/3 aller Gebäude gehören in diesem Viertel Stonetowns der Regierung. Es sind die baulichen Erben aus der Kolonialzeit, die verstaatlicht worden sind. 1/3 der Gebäude befinden sich in privatem Besitz und die restlichen 1/3 werden treuhändlerisch verwaltet - z.B. von religiösen muslimischen Organisationen wie der Aha-Khan-Stiftung oder Organisationen wie z.B. SIDA, der schwedischen Entwicklungshilfeorganisation.

    Frage: Was haben die Privatisierungen historischer Gebäude bewirkt?

    Mwalim: 60 % aller Privatisierungen können als Erfolg bezeichnet werden. 40 % aller privatisierten Gebäude sind weiterverkauft worden. So haben wir uns das eigentlich nicht vorgestellt, als wir für private einheimische Käufer den Verkaufspreis der Gebäude um 40 % reduziert haben, um einen finanziellen Anreiz zu bieten. Hier haben einige Leute die Häuser günstig gekauft, sie dann aber nicht renoviert, sondern sie möglichst schnell zum Marktpreis weiterverkauft.

    Frage: Wie viele Gebäude von "Stonetown" können eigentlich überhaupt noch gerettet werden?

    Mwalim: Die gesamte Renovierung erfolgt auf der Grundlage des Conservation Masterplans, der von der Aga-Khan-Stiftung vor mehreren Jahren finanziert worden ist. Viele Gebäude können ge-rettet werden. Dies ist eigentlich nur eine Frage der Finanzen. Manche Besucher denken, dass viele Gebäude nicht mehr gerettet werden können. Dies stimmt aber nicht. Sie müssen wissen, dass die Gebäude des Weltkulturerbes aus Korallenstein bestehen, das Wasser aufsaugt, dies aber auch wieder abgibt. Wenn es gelingt, die Häuser innen gut zu belüften, dann können sie sehr lange halten. Die historischen Gebäude sind ja auf der Grundlage dieses Belüftungssystems angelegt worden, das leider von einigen Bewohnern nach der Revolution unterbro-chen worden ist, um mehr Wohnraum zu schaffen. Wenn die Belüftung existiert, dann ist es eigentlich sogar fast egal, ob sich über dem Gebäude ein Dach befindet oder nicht. Wenn die Luft zirkulieren kann, dann können selbst Ruinen noch wunderbar restauriert werden.

    Frage: Beteiligt sich die Bundesrepublik Deutschland wieder an den Sanierungsmaßnahmen, nachdem die Entwicklungshilfe in Zanzibar wegen der politischen Situation eine Zeit lang eingestellt worden waren?

    Mwalim: Ja, z.B. der DED oder vor allem auch einige Projekte der Kreditanstalt für Wiederaufbau. Dies sind vor allem Straßenbauprojekte oder Wasser- bzw. Wasser-Recyclingprojekte. Eigentlich haben wir in Zanzibar genug Wasser für die Grundversorgung der Bevölkerung. Probleme entstehen mit dem erhöhten Wasserverbrauch bei einer ansteigenden Zahl von Touristen.

    Frage: Welche Projekte werden ansonsten gerade durchgeführt?

    Mwalim: Die schwedische Entwicklungshilfe (SIDA) erarbeitet gerade eine Präsentation von "Stonetown" als Weltkulturerbe. Ein neuer Masterplan soll erstellt werden. Wenn Sie durch "Stonetown" laufen, dann sehen Sie eine ganze Reihe sehr schön renovierter Gebäude. Ich nenne nur das historische Gebäude, in dem sich die neue "Musicschool of Dhow Countries" befindet. Hier haben SIDA und die Aga-Khan-Stiftung bei der Renovierung mitgeholfen, um das Gebäude jetzt für kulturelle Zwecke zu verpachten - ähnlich wie die alte Apotheke, die von der Aga-Khan-Stiftung schon vor einigen Jahren renoviert worden ist. Natürlich haben Sie auch schon die wunderbaren Restaurierungen historischer Bauten durch einige Hotelketten gesehen, z.B. die gegenwärtig laufende Renovierung des alten Africa-House-Hotels.
    Doch ich möchte auf den Anfang unseres Gesprächs zurückzukommen: Unser Problem besteht gegenwärtig vor allem darin, dass ein Teil von "Stonetown" im Interesse des Tourismus restauriert wird (Hotelviertel), ein anderer Teil im Interesse von Handel und Wirtschaft (Marktviertel) - und zwischen diesen beiden Polen tut sich fast nichts! Und gleichzeitig müssen wir noch dafür sorgen, dass die einheimische Bevölkerung durch Tourismus und Geschäftswelt nicht aus den Viertel vertrieben wird!

    Frage: Sprechen wir über Bagamoyo, das ebenfalls Weltkulturerbe werden möchte. Was halten Sie von der Idee, wie beurteilen Sie die Chancen?

    Mwalim: Bagamoyo hat eine sehr große Chance! Aber es muss nicht unbedingt Weltkulturerbe werden. Von der historischen Altstadt ist doch nur noch sehr wenig erhalten. Man kann nicht mehr von einer authentischen Altstadt wie noch vor 20-40 Jahren sprechen. Aber einige authentische Gebäude sind erhalten geblieben. Ich denke dabei an die Kaole Ruinen, an die Boma, die Schule, die Anglikanische Kirche, die Karawanserei, das ehemalige Sklavenfort etc. Diese Reste des historischen Bagamoyo in Verbindung mit dem Saadani-Nationalpark, dem einzigen Nationalpark Ostafrikas unmittelbar am Indischen Ozean - eine wunderbare Koalition!

    Frage: Zunehmend wird von einem "immateriellen Weltkulturerbe Bagamoyo" gesprochen. Was können wir uns darunter vorstellen?

    Mwalim: Von den historischen Gebäuden ist eigentlich zu wenig vorhanden, um den Titel Weltkulturerbe zu erlangen. Also sollten wir die baulichen Überreste in Verbindung bringen mit dem emotionalen, spirituellen, kulturellen Kulturerbe dieses historischen Ortes. Ja, ich stelle sogar die These auf, dass Bagamoyo als Treffpunkt von Schwarzafrika und Arabien entscheidend war für die Entwicklung der Kisuaheli-Kultur! Von hier aus starteten die Sklavenkarawanen, hier handelte Schwarzafrika mit Arabien, hier trafen sich die unterschiedlichen Sprachen und Kulturen - welch ein Kulturerbe!
    Zusammenfassend muss Bagamoyo weniger wegen seiner Bauten, sondern noch viel mehr als kulturelle Landmarke hervorgehoben und erforscht werden! Hieran müssen sich die Regierung, Wissenschaftler, aber auch die Bewohner von Bagamoyo aktiv beteiligen!

    Frage: Die UNESCO hat vorgeschlagen, Bagamoyo als Teil eines UNESCO-Weltkulturerbes "Ostafrikanische Sklavenroute" zu deklarieren.

    Mwalim: Ja, genau. Dies geht absolut in die richtige Richtung. So etwas gibt es z.B. auch schon in Haiti und auch in Europa. Überhaupt kann es nicht angehen, dass es so viele europäische, so viele christliche Orte gibt, die zum Weltkulturerbe erklärt wurden, aber nur so wenige nicht-europäische, nicht-christliche Orte! Die Sklaverei in Ostafrika hat als Thema eines Weltkulturerbes wirklich eine gute Chance! Bagamoyo ist da aber alleine zu wenig, aber Bagamoyo ist wichtig als Ausgangspunkt bzw. umgekehrt als vorläufiger Endpunkt einer langen Sklavenroute, die bis in den Kongo hinein reicht. Und überall entlang dieser Route gibt es Stationen, historische Orte, die sich zu einem "Weltkulturerbe Sklavenroute" vereinigen sollten.
    Wenn wir über ein "immaterielles Weltkulturerbe" reden, dann sollten wir dennoch nicht vergessen, dass es hier noch andere, ganz bemerkenswerte Dinge zu erwähnen gibt wie z.B. das Aufeinandertreffen von europäischem Kolonialismus und arabischem Sklavenhandel oder auf Schwarzafrika - und das alles sehr konzentriert in Bagamoyo.

    Frage: Meinen Sie, dass sich die Bundesrepublik Deutschland mehr engagieren sollte bzgl. eines Weltkulturerbes "Ostafrikanische Sklavenroute/ Bagamoyo"?

    Mwalim: Warum nicht? Warum sollten sich nur die Skandinavier engagieren? Bagamoyo war ja schließlich sogar einmal die Hauptstadt von Deutsch-Ostafrika, der Ausgangspunkt der Kolonialisierung unseres Landes. Sehen Sie: In dem Maße, wie jetzt weltweit über Bagamoyo diskutiert wird, in dem Maße werden die Bürger Bagamoyos stolz auf ihren Ort, sehr stolz sogar. Das ist nicht unbedingt üblich in unserem Land. Viele Menschen sind den Schweden daher sehr dankbar für ihre Initiative. Auch für ihre Initiative der Durchführung einer internationalen Bagamoyo-Konferenz in diesem Jahr, an der auch ich teilgenommen habe. Doch wenn Schweden die Initiative ergriffen hat, warum sollte sich Deutschland dieser Initiative nicht anschließen?

    (Das Gespräch mit Mwalim A. Mwalim führte Rudolf Blauth Ende Oktober 2002 in Sansibar) 


    Internationale Bagamoyo-Konferenz beendet

    Bagamoyo auf dem Weg zum Weltkulturerbe?

    Eine Zusammenfassung der Konferenz von Rudolf Blauth

    In dieser Woche endete die mit  insgesamt ca. 120 Teilnehmern hochrangig besetzte viertägige Internationale Bagamoyo Konferenz, die mit Unterstützung der Swedish International Development Agency (SIDA) und in Zusammenarbeit von Denkmalschutzexperten, Stadtentwicklern, Universitäten und der Verwaltung des Bagamoyo Districts im Hotel Paradise in Bagamoyo durchgeführt worden ist.

    Die Konferenz wurde in Anwesenheit von Repräsentanten mehrerer europäischer und afrikanischer Länder wie Schweden, Italien, Südafrika, Zimbabwe, Mali und Kenia am 9. September eröffnet. Die Bundesrepublik Deutschland war zwei Tage lang durch die Kulturreferentin der deutschen Botschaft in Dar, Ulrike Haffner, vertreten. Teilnehmerin wahr auch die tansanische Ministerin für Natural Resources and Tourism, Zakhia Hamdan Meghji.

    Wissenschaftler, Denkmalschützer und Experten zum Thema „Weltkulturerbe“ erörterten die Möglichkeiten, Bagamoyo den Status eines Weltkulturerbes zu verleihen. Prof. Jackson Wilbard Kombe vom University College of Lands and Architectural Studies (UCLAS) betonte als einer der Organisatoren, daß Bagamoyo über außergewöhnliche Merkmale verfüge wie z.B. die deutschen Kolonialbauten aus den 80er Jahren des 19. Jahrhunderts und andere bedeutende historische und archäologische Kulturgüter. Notwendig sei die Bündelung der Kräfte all derer, die an einem „Weltkulturerbe Bagamoyo“ Interesse hätten, also die Bewohner von Bagamoyo, die tansanische Regierung und weitere Partner innerhalb und außerhalb des Landes.

    Experten machten im Verlaufe der Diskussion auf die Gefahr aufmerksam, daß Bagamoyo bis zu 80% seiner historischen Gebäude verlieren werde, wenn nicht unverzüglich gravierende Sanierungsmaßnahmen in die Wege geleitet würden. Damit würde Tansania auch die Hauptattraktion eines Ortes verlieren, der im Mittelpunkt der Tourismus-Entwicklungsprogramme in der Küstenregion steht.

    Pater John Henschel, der noch bis Oktober in Bagamoyo als Tourismuspfarrer, Historiker, Buchautor und Förderer des historischen Missionsmuseums aktiv ist, führte in diesem Zusammenhang auf der Tagung aus: „Wenn die historischen Gebäude in der Altstadt nicht sehr schnell restauriert werden, wird die Stadt ihre Hauptattraktion verlieren. Dann werden keine Besucher mehr kommen und Museen werden bedeutungslos werden." Alleine in der India Street wären beispielsweise von 36 historischen Gebäuden aus dem Beginn des vergangenen Jahrhunderts nur noch acht Gebäude erhalten. Der Rest sei zusammengebrochen und verschwunden mitsamt der dazugehörigen architektonischen Komponenten wie Türen und Fenster. Pater Henschel ergänzte, daß Bemühungen zur Einrichtungen eines Sklavenmuseums in Bagamoyo ins Leere liefen angesichts der dringenden Notwendigkeit einer zuvor notwendigen grundlegenden Renovierung der Altstadt, in der bereits ca. 80 % der historischen Gebäude zusammengebrochen seien.

    Weitere Konferenzteilnehmer wie Lars Reuters Ward und Lind Camara führten aus, dass ein Konzept erstellt werden müsse, wie der ansteigende Tourismus in kontrollierter Form nicht nur den Investoren, sondern der gesamten örtlichen Gemeinschaft von Nutzen sein könne. Die Wissenschaftler der Lund Universität in Schweden betonten: „Angestrebt werden muß eine stufenweise Rekonstruktion mit einer Mischung aus Neu und Alt, Tradition und Moderne, es geht um die Schaffung einer authentischen und lebendigen Stadt.“ Dabei müßten die mit der angestrebten Entwicklung des Tourismus verbundenen Gefahren wie Umweltverschmutzung, Ausbreitung von Slums und Verkehrsbelastung beachtet und vermieden werden.

    Amini A. Mturi, ein bekannter langjähriger Historiker aus Tansania, meinte, dass das historische Bagamoyo mit seinem Ensemble aus Korallenhäusern, Palästen, Moscheen und Friedhöfen in der Tat einmalig sei. Dabei sei zu beachten, dass diese Architektur nicht zu der islamisch-arabischen Architektur des Nahen und Mittleren Osten gehöre, wie manche Leute glauben würden.. Im Gegenteil würde es sich um etwas handeln, was er als Swahili-Architektur bezeichnen würde, die schon lange vor der europäischen Kolonisation entstanden sei.

    Kritische Töne schlug Paul Msemwa an, der Direktor der Nationalmuseums in Dar es Salaam. Es müssten verstärkt Anstrengungen unternommen werden, auch Tansanier und die Ortsbevölkerung für die historischen Stätten und Museen Bagamoyos zu interessieren. Bislang würden solche Orte fast ausschließlich von ausländischen Gästen besucht. Dies sei um so bedauerlicher, als es hier ja um die Auseinandersetzung mit der eigenen tansanischen Vergangenheit gehe. So ständen z.B. 624 ausländischen Besuchern des Slave Houses nur 198 einheimische Besucher gegenüber. Die Museumsleitung würde überhaupt nicht berücksichtigen, das gegenwärtig nur wenige Tansanier aus eigenem Antrieb bereit seien, sich mit dem Thema „Sklaverei“ auseinandersetzen. Auch das katholische Museum in Bagamoyo würde das Alltagsleben der einfachen Leute in Bagamoyo nicht berücksichtigen. Dies sei schade, weil es ansonsten zu den am besten ausgestatteten Museen des Landes zähle. 

    Prof. Kombe, Dekan des Fachbereiches für Architektur und Planung am University College of Lands and Architectural Studies (UCLAS) schwärmte vom Potential einer „Kombination materiellen und immateriellen Kulturerbes, das z.B. auch den Anteil Bagamoyos an der Entwicklung der Kisuaheli-Sprache“ umfasse. Die historische Stadt sei schon lange vor dem Eintreffen der Europäer Einfallstor an der ostafrikanischen Küste gewesen, z.B. in Zusammenhang mit der Sklaverei und dem Sklavenhandel. Auch er betonte, daß alle Anstrengungen zu Erreichung eines „Weltkulturerbes Bagamoyo“ einher gehen müßten mit der Erarbeitung eines Marketingkonzeptes „Tourismus in Bagamoyo“ und einer sozio-ökonomischen Stadtentwicklungsplanung. Nur dadurch könnten auch positive Impulse für eine Entwicklung des lokalen Marktes in Bagamoyo gesetzt werden.

    Letzteres hob auch der tansanische Vizepräsident Dr. Mohamed Ali Shein hervor, der die Tagung eröffnet hatte: „Investitionen in Hotels, in das Transportwesen, Freizeitmöglichkeiten, Kommerz, Kommunikation, Landwirtschaft und Fischereiwesen sind wichtig, um die Erhaltung der Kulturgüter zu unterstützen und Möglichkeiten für die Bewohner von Bagamoyo zu schaffen.“ Ein neues Verständnis von Denkmalschutz würde diese Elemente miteinander in Einklang bringen. Die Regierung Tanzanias mit ihren Institutionen werde alle Anstrengungen unternehmen, sowohl ein „Weltkulturerbe Bagamoyo“ als auch andere Weltkulturstätten des Landes zu managen. Der Vizepräsident verwies in diesem Zusammenhang auf die Olduvai-Schlucht, die Fußabdrücke von Laetoli; Isimila Stone Age Site, die Felsenmalereien von Kondoa Rock, die Ruinen von Kilwa, die Altstadt von Pangani, das Dr. Livingstone Memorial Museum in Ujiji und Stone Town Sansibar. Die Bürger der betroffenen Orte müssten selbst die Initiative ergreifen, ihr Kulturerbe und die dazugehörige Infrastruktur zu entwickeln. Rechtzeitig müsse zudem geeignetes Fachpersonal vor Ort geschult werden. Bagamoyo selbst sei bereits seit 1987 auf der nationalen Vorschlagsliste der tansanischen Regierung.

    In seinem zusammenfassenden Schlußwort der viertägigen Konferenz forderte der Vorsitzende des National Environmental Management Councils (NEMC), Reginald Mengi, den Aufbau eines internationalen Netzwerkes, um das gemeinsame Ziel, das „Weltkulturerbe Bagamoyo“ und damit den Schutz des kulturellen und historischen Erbes zu erreichen. In diesem Netzwerk sollte auch der Ort Bagamoyo vertreten sein.

    Die ursprünglich bereits für Dezember 2001 geplante Internationale Bagamoyo Konferenz hat erstmalig in einem sehr großen Rahmen einheimische und ausländische Institutionen, Experten und Politiker an einen Tisch gebracht. Einen großen Anteil hatte dabei die schwedische Entwicklungshilfe, die die Tagung auch finanziert hat. Obwohl die deutschen Kolonialgebäude ein ganz wesentliches Standbein des historischen Bagamoyos sind, hat sich die deutsche Regierung trotz ihrer Teilnahme an der Konferenz doch deutlich zurückgehalten – sicherlich nicht zuletzt auf Grund der möglicherweise auf sie zukommenden finanziellen Erwartungen. Das historische Bagamoyo ist weitgehend bereits verfallen, eine Restaurierung, selbst unter Berücksichtigung eines hohen Anteils an „immateriellem Weltkulterbe“, würde gigantische Kosten bedeuten. Alleine die Restaurierung der Boma, des ehemaligen deutschen Kolonialhauptquartiers, wäre eine Millioneninvestition vermutlich im zweistelligen Bereich. Die mit deutschen Mitteln durchgeführte Renovierung des Ocean Road Hospitals in Dar es Salaam hat hier bekanntlich bereits Maßstäbe gesetzt.

    Andererseits stellt sich die Frage, ob sich Deutschland, daß vor einigen Jahren bereits das Goethe-Institut in Tansania aufgelöst hat, weiterhin seinen besonderen (gerade auch kulturellen) Verpflichtungen als ehemalige Kolonialmacht entziehen kann. Kleinmütigkeit stände in einem krassen Gegensatz zur gegenwärtigen Neudefinition Deutschlands im Konzert der Weltmächte.

    In einem Interview mit dem Freundeskreis Bagamoyo e.V. hat Entwicklungsplaner Ulrich Malisius, dem bereits ganz wesentlich die Rettung von Stone Town Zanzibar zu verdanken ist und der erst vor kurzem im Auftrag des DED konzeptionelle Vorarbeiten für die Altstadt von Bagamoyo bzw. die Boma geleistet hat, vorgeschlagen, bei den jährlichen Regierungs-verhandlungen zwischen Tanzania und Deutschland das große GTZ-Projekt „Natural Resource Management“ (in den Nationalparks) um den Aspekt „Cultural Resources“ zu erweitern, um auf diesem Wege auch die Entwicklung eines „Weltkulturerbes Bagamoyo“ integrieren zu können. Konzeptionelle Vorarbeiten der tansanischen Regierung, in Abstimmung mit dem betroffenen Ort Bagamoyo, seien hierfür allerdings absolute Voraussetzung, so Malisius.

    Gespräche mit UNESCO-Verantwortlichen hätten zudem ergeben, daß Bagamoyo angesichts des fortgeschrittenen Verfalls seiner Altstadt eigentlich nur dann eine Chance hätte, auf die begehrte Liste zu kommen, wenn das sogenannte „immaterielle Weltkulturerbe“ des Ortes ganz besonders entwickelt werde. Zu nennen seien hierbei die Aufarbeitung und Darstellung der Geschichte der Sklaverei in Ostafrika, die Achse Sansibar-Bagamoyo, Bagamoyo als Ausgangsort für die Islamisierung und Christianisierung Ostafrikas, Bagamoyo als Ausgangsort der großen „Entdecker“, Bewahrung der jahrhundertealten Kunst des Dhau-Schiffbaus, das Bagamoyo College of Arts als einzigartiger Ort der Forschung, Bewahrung sowie des Praktizierens traditioneller Musik und traditionellen Tanzes etc.

    Tansania verfügt gegenwärtig über sechs von insgesamt über 700 weltweit anerkannten Weltkulturstätten. Dabei handelt es sich um vier Orte des „Weltnaturerbes der Menschheit“ (Kilimanjaro, Ngorongoro-Krater, Serengeti Nationalpark, Selous Game Reserve) und zwei anerkannte Stätten des „Weltkulturerbes der Menschheit“, nämlich Stone Town Zanzibar und Kilwa Kisiwani/Songo Mnara.

    15.9.2002


    "Bagamoyo und Sansibar sind die Highlights einer 'cultural route', die quer durch Ostafrika geht"

    Foto: Peter Harke
    Uli Malisius

    Interview mit Ulrich Malisius über die Zukunft der Boma und eines Weltkulturerbes Bagamoyo

    Frage: Ulrich Malisius, was ist unter kulturhistorischen Gesichtspunkten eigentlich das besondere an dem kleinen verschlafenen Küstenort Bagamoyo?

    Malisius: Etwas besonderes ist der gewaltige Kontrast zwischen Bagamoyos Bedeutung heute und in der Vergangenheit. Trotz der günstigen Verbindung nach Dar es Salaam ist es heute ein vergessener Ort, in dem sich einmal die wichtigsten Kommunikationslinien in einem wirtschaftlich und politischen Knotenpunkt Ostafrikas trafen.
    Kein Durchgangsverkehr und kein Massentourismus stören heute Bagamoyo. Deshalb kann man sich hier besonders intensiv in die Handlungen und Wandlungen und die Stimmungen der Geschichte einfühlen. In den anderen Swahilistädten ist die Zeit nicht derartig friedlich stehengeblieben bzw. eingeschlafen.
    Für uns Deutsche kommt natürlich noch dazu, dass Bagamoyo einmal Hauptstadt von Deutsch-Ostafrika war. Ich musste verblüfft feststellen, daß ich mich durch das Studieren von Dokumenten und Fotografien, Strassen, Gebäuden und Friedhöfen plötzlich in die Kaiserzeit zurückgesetzt fühlte, so ist es mir in Deutschland selbst nie ergangen. Dort ist alles physisch und geistig schon viel zu weit weg und zu abstrakt.

    Frage: Macht es denn eigentlich Sinn, sich jetzt um die Restaurierung der Altstadt von Bagamoyo zu bemühen, wo doch schon die Mittel fehlen, um das Weltkulturerbe "Stonetown Zanzibar" zu retten?

    Malisius: Die Frage unterstellt, dass Bagamoyo und Zanzibar Stone Town um Mittelzuteilung konkurrieren. Das ist aus mehreren Gründen nicht zutreffend und wäre auch absurd.
    Zum einen gehören sie ja zu verschiedenen Regierungen, die in diesem Bereich fachlich und administrativ völlig unabhängig voneinander sind.
    Ich glaube aber auch, dass immer mehr Leute verstehen, dass gerade der Zusammenhang und das Zusammenspiel dieser beiden Städte eine einmalige Qualität bietet, wie wir sie nur bei wenigen Städtepaaren vorfinden.
    Was wäre denn aus Sansibar geworden, wenn nicht Bagamoyo als Sprungbrett und Umschlagplatz für Handel, Karawanen und Expeditionen gedient und den Reichtum eines ganzen Kontinents auf die Insel geschaufelt hätte? Und was wäre aus Bagamoyo geworden, wenn nicht die Araber einen regionalen und weltweiten Abnehmermarkt in Sansibar aufgebaut hätten, der mit unersättlicher Gier alles dorthin saugte?
    Bagamoyo und Sansibar sind die "highlights" einer "cultural route", die quer durch Ostafrika geht.
    Im übrigen wird wegen politischer Probleme immer noch von den westlichen Gebernationen jede Hilfe für Sansibar zurückgehalten.

    "Technisch gesehen ist es kein Problem, die Boma zu retten"

    Frage: In welchem Zustand befindet sich gegenwärtig die Boma von Bagamoyo, das ehemalige deutsche Kolonialhauptquartier?

    Malisius: 1998 sind beide Geschossdecken der Veranda hinter der Hauptfassade eingestürzt während das Gebäude noch bewohnt und benutzt war. Danach beulte sich die Fassade nach vorne aus und war akut einsturzgefährdet. Aus Sicherungsgründen trugen wir deshalb im November 2000 das Obergeschoss der schönen Spitzbogenfassade vorsichtig ab in der Hoffnung, dass sie später einmal wieder komplett aufgebaut werden kann.
    Technisch gesehen ist es überhaupt kein Problem, das Gebäude zu retten. Aber es ist sehr kostspielig und erfordert viel Erfahrung und Fachkompetenz.
    Die kolonialen Bauexperten brachten damals eine Art deutsche Deckenkonstruktion mit: I-Stahlträger tragen die Geschossdecken, die in leicht gewölbten Steinbögen auf den Trägern ausgelagert sind. Der Zahn der Zeit und die salzhaltige Luft haben die Stahlträger zerfressen, sie sind vielerorts kaum noch stärker als Papier. Deshalb müsste man jetzt Raum für Raum jede einzelne Decke entfernen und mit einer neuen ersetzen oder eine aufwendige Stützkonstruktion unter die bestehende anbringen.
    Mit dem Ocean Road Hospital in Dar es Salaam und der alten deutschen Boma in Mikindani gibt es ja schon zwei aktuelle wunderschöne Beispiele, was aus diesen alten Gemäuern gleicher Bauweise heute gemacht werden kann.

    Frage: Die tansanische Regierung ist vor einigen Jahren an die Bundesregierung herangetreten mit der Bitte, die Boma zu restaurieren. Doch auf die deutsche Bitte, ein überzeugendes Konzept für eine spätere Nutzung der Boma zu entwickeln, folgte von tansanischer Seite lediglich das Beharren auf einer Folgenutzung als Sitz des District-Verwaltung. Für eine solche Nutzung sind natürlich keine deutschen Steuergelder locker zu machen.

    Malisius: Ich habe mich mit allen Beteiligten über diese Frage unterhalten. Dabei bekam ich den Eindruck, dass beide Seiten gar nicht ordentlich miteinander verhandelt hatten.
    Als ich den Acting Director of Antiquities, Donatius Kamamba, den ich noch aus den 80er Jahren als engagierten und tüchtigen Absolventen des Ardhi Institutes kenne, dazu befragte, meinte er in der Tat, der District Commissioner sollte wieder zurückziehen. Aus fachlicher Sicht ist das auch völlig richtig, es ist ein Prinzip der Denkmalpflege, immer möglichst die Originalnutzung in einem Gebäude beizubehalten. Dass dies aus unserer Sicht wenig attraktiv ist und damit schwer internationale Hilfe mobilisiert werden kann, war ihm gar nicht klar. Er war aber nach dem Anhören der Argumente sofort bereit und offen, andere Vorschläge zu diskutieren.
    Wie ernsthaft das Erhaltungsinteresse der Tansanier wirklich ist, kann nur die Zukunft zeigen. In der Vergangenheit war es jedenfalls gering, nicht zuletzt, weil man sich bei diesem grossen Gebäude auch überfordert fühlte. Es wird erwartet, dass der finanzielle Beitrag zur Erhaltung vom Ausland kommt.
    Ich glaube, die beste Chance besteht darin, den strategischen Wert des Gebäudes als Eckpfeiler für die Entwicklung des kulturellen Tourismus in Bagamoyo verständlich zu machen und so das Interesse der Tansanier zu wecken.

    "Mein Traum wäre eine Akademie für Umweltschutz und Resourcenmanagement"

    Frage: Von welcher Folgenutzung der Boma träumen Sie?

    Malisius: Mein persönlicher Traum wäre eine Akademie für Umweltschutz und Resourcenmanagement. Es wäre das ideale Ambiente, um allen Tansaniern zu verdeutlichen, welch herrliches Land mit phantastischen Resourcen sie besitzen und um ihr Verantwortungsgefühl dafür zu stärken. Das wäre auch die richtige Antwort auf die historische Hypothek des Gebäudes als ehemaliger Sitz der Kolonialherren, die die Ausbeutung der Resourcen des Landes zum Ziel hatten.

    Frage: Welche möglichen Folgenutzungen wurden bislang konkret erörtert?

    Malisius: Wir organisierten im vergangene Oktober einen eintägigen Workshop vor Ort, um mit allen Verantwortlichen und Beteiligten, auch den örtlichen Interessensvertretern, Ideen zu sammeln und im Einzelnen zu diskutieren. Es war ein sehr guter Dialog, in dem auch die kritischen Punkte auf den Tisch kamen.
    Dabei kamen drei Vorschläge in die engere Auswahl:
    Die Nutzung als Museum - dies war nicht voll überzeugend, weil dann der Staat wieder alle Verantwortung hätte und der Gebäudeunterhalt einseitig von Subventionen abhängig gewesen wäre. Auch gibt es dafür keinen dringenden Bedarf, weil die RC Mission schon eine gute Museumsarbeit macht.
    Die Nutzung als Hotel schien uns denkbar, aber nicht ideal, weil es schon genügend Hotelkapazität in Bagamoyo gibt und weil man, um es wirtschaftlich betreiben zu können, wahrscheinlich einen grösseren Anbau mit Erweiterung benötigt hätte. Auch wäre die Boma eher für ein luxuriöses Hotel geeignet, und damit der Benutzerkreis sehr exklusiv.
    Wir einigten uns dann im Konsens auf das Nutzungskonzept multifunktionales Konferenzzentrum. Multifunktional in dem Sinne, dass es ein freies Tagungszentrum sein soll, in dem aber einzelne Räume als Museumsausstellung, Souvenirladen, Touristeninformation, Internetkaffee, Lesesaal, Besuchertreff etc. angegliedert werden können.
    In ganz Tansania ist der Bedarf an guten Tagungseinrichtungen gross. Mit dem kurzen Abstand zu Dar es Salaam kann man mit guter Auslastung rechnen, und ein privater Betreiber könnte genügend Einnahmen machen, um auch den langfristigen Gebäudeunterhalt zu sichern.
    Wir legen aber Wert darauf, dass auch weniger finanzkräftige Gruppen in und um Bagamoyo und NGOs aus ganz Tansania diese Stätte nutzen können. Wir glauben, damit dem Ort und District Bagamoyo langfristige Entwicklungsimpulse geben zu können.

    "Wenn man die Boma und Bagamoyo verkommen läßt, schadet das auch dem Tourismus"

    Frage: Größeren Investitionen im Bereich des Denkmalschutzes bzw. der Kultur wird immer das Argument entgegengehalten, daß es angesichts des maroden Gesundheits- und Bildungssystems in Tansania andere Probleme gäbe als die Restaurierung eines alten Kolonialgebäudes.

    Malisius: Faktisch ist es ja so, dass andere wichtigere Bereiche viel mehr Geld bekommen. Das Department of Antiquities hatte Anfang 2000 nicht einmal Geld, um seine Telefonrechnung zu bezahlen und war ohne Fax, Telefon und Internet.
    Aber es kommt auf die Sichtweise und Perspektive an. Tansania hat aus gutem Grund den Tourismus als Wirtschaftszweig prioritiert. Wenn man die Boma und Bagamoyo verkommen lässt, schadet das auch dem Tourismus, die Wirtschaft kommt nicht auf die Beine und man hat noch weniger Geld für Schulen und Krankenhäuser und ist ewig Almosenempfänger.
    Ich finde auch die Bezeichnung "deutsches Kolonialgebäude" zu eng betrachtet, das kann stigmatisierend wirken. Sowohl die Briten als auch die Tansanier besassen und nutzten die Boma ja mehr als doppelt so lange wie die Deutschen, es ist damit ein gemeinsames Erbe.
    Aber unabhängig von der Vergangenheit ist die Boma einfach ein bestechendes Stück Architektur, dass in dieser Gebäudequalität und mit der Umgebung seinesgleichen sucht und von daher unersetzlich ist. Sie ist eine "nicht-erneuerbare Ressource", gerade ein armes Land kann es sich nicht leisten, so etwas ungenutzt oder gar verfallen zu lassen.

    Frage: Was würde eine Renovierung der Boma kosten?

    Malisius: Es gibt eine sehr grobe Kostenschätzung der Firma Tegra Design, die auf 2,5 Mio. DM kommt. Das dürfte eher die untere Grenze sein, weil eine Anpassung an eine neue Nutzung, Gestaltung der Aussenanlagen, Innenausstattung etc. nicht berücksichtigt sind. Es hängt auch davon ab, welchen Qualitätsstandard man ansetzt. Wir haben noch keine genauen Zahlen und werden erst nach genauerer Planung dazu kommen. Jedenfalls ist es das bei weitem grösste und kostspieligste Einzelgebäude in der Altstadt von Bagamoyo.

    "Bei der EU besteht eine Chance"

    Frage: Welche Zuschußgeber könnten gewonnen werden?

    Malisius: Naheliegend ist die EU, die für Tansania Mittel für die Tourismusentwicklung zur Verfügung hat. Können wir einen Vorschlag vorlegen, der gut zu diesem Programm passt, besteht eine Chance.

    Frage: Gibt es schon Signale aus Berlin oder aus anderen europäischen Ländern?

    Malisius: Meine ursprüngliche Vorstellung war, dass ein Projektkonsortium von ca. 5-6 europäischen Geberländern gemeinsam mit z.B. der EU das Projekt finanzieren könnte. Ich hatte gehofft, dass wir einen finanziellen Beitrag aus Deutschland schnell beschaffen könnten, um so eine "Anstossfinanzierung" zu bekommen. Es stellte sich aber heraus, dass in der Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes für grössere Projekte in Tansania lange Zeit nichts mehr zu holen ist, weil man dort erst im letzten Jahr eine grössere Summe für die Erhaltung des Sisters House (Museum) in der RC Mission in Bagamoyo bewilligt hat.
    Die Italienische und die Schwedische Botschaft haben starkes Interesse signalisiert. Die Norwegische und Dänische Botschaft haben gleich abgewunken, weil sie keine Programme für diese Art von Projekten haben.
    Es kann durchaus sein, dass uns eine Gesamtfinanzierung nicht gelingt. Dann muss man sich auf minimale Massnahmen zum Stopp weiteren Verfalls beschränken in der Hoffnung, dass später vielleicht eine Lösung auftaucht. Oder man schlägt den Weg wie in Mikindani ein und sucht einen rein privaten Investor, der dann das Gebäude kommerziell nutzen darf.

    Frage: Müßte eine Restaurierung der Boma nicht Teil eines Gesamtkonzeptes "Erhalt der historischen Altstadt von Bagamoyo" sein?

    Malisius: Mit Unterstützung von SIDA arbeiten der District Council und das Department of Antiquities zur Zeit an einem solchen Konzept und Conservation Management Plan, der fast fertig ist. Das muss natürlich die ganze Zone des historischen Bagamoyo umfassen und dann muß man auch planungs- und baurechtlich verbindliche Regelungen treffen, die dann auch von den Politikern beschlossen werden müssen.

    Frage: In Tansania (und nicht nur dort) wird der Aspekt der "Kulturvermittlung" in der Regel unterschätzt. Weder in Bagamoyo noch in Sansibar findet man Experten, die in der Lage sind, das alte Kulturgut interessierten Menschen, z.B. Touristen nahezubringen. Wie oft habe ich z.B. versucht, in Sansibar Stonetown jemanden zu finden, der in der Lage ist, einer Reisegruppe einen Gesamtüberblick über Themen wie "die historischen Holztüren von Stonetown" zu vermitteln.

    Malisius: Ich sehe das nuancierter. In Sansibar und Bagamoyo gibt es hervorragende Leute und Kenner der Materie, denken Sie z.B. an den pensionierten Guide der Kaole-Ruinen, Mr. Kejeri.
    Aber es stimmt, dass es ein Vermittlungsproblem gibt. Die Leute sind oft nicht greifbar, nicht erkennbar oder sind nicht effektiv organisiert. Kaum einer der Touristen vermutet z.B., dass der alte, unscheinbare Wärter des Deutschen Friedhofs in Bagamoyo ein exzellenter Erzähler über den Friedhof und das Sklavenfort ist. Aber er kann halt wenig Englisch und taut nur auf, wenn er Kisuaheli spricht.
    Ich glaube aber, dass es auch ein strukturelles Problem gibt: Was hätten denn die lokalen Guides von einer professionalisierten Infrastruktur für die Touristen, solange ihre Gehälter nur eine Winzigkeit der Lebenshaltungskosten betragen? Da ist ihnen wahrscheinlich der heutige ungeregelte und unprofessionelle Zustand lieber, der mehr Spielraum für Nebeneinnahmen lässt. Sinnvoll wäre wahrscheinlich eine Arbeitsteilung zwischen staatlichen und privaten professionell organisierten Diensten.

    "Jede Aufwertung einer Swahili-Stadt oder Ruine stärkt das gemeinsame Erbe der Swahilikultur insgesamt"

    Frage: Es war zu lesen, dass die historischen Stätten von Kilwa jetzt vom Ausland stärker gefördert werden sollen mit dem Ziel, dass sie auch Weltkulturerbe werden. Ist dies eine Konkurrenz zu Bagamoyo?

    Malisius: Die Ruinenstätten Kilwa Kisiwani und Songa Mnara sind ja schon seit 1981 auf der World Heritage List der UNESCO. Aber es gibt dort keine Aktivitäten, kein Management, keine Mittel und Erhaltungspläne und keinen Tourismus. Die Gefahr, dass diese Stätten deshalb von der Liste gestrichen werden, ist akut.
    Kilwa war jetzt mehrere Jahre auf der Liste der 100 meist gefährdeten Kulturdenkmäler der Welt, vermutlich ist das mit ein Grund, dass Hilfe angefordert wurde.
    Ich kann hier kein Konkurrenzverhältnis sehen, im Gegenteil. Jede Aufwertung einer Swahili-Stadt oder Ruine stärkt doch dieses gemeinsame Erbe der Swahilikultur insgesamt. Die Zukunft des Erlebnis- und Kulturtourismus liegt ja gerade im Erleben von authentischen Zusammenhängen. Man stelle sich vor, auf der alten Sklavenroute von Kigoma über Tabora, Dodoma nach Bagamoyo zu reisen, dann mit der Dhow nach Zanzibar überzusetzen und dann die Küste entlang vielleicht Pangani oder Kilwa zu besuchen, diese zu vergleichen und Querbeziehungen herzustellen. Lassen sich Geschichte, Geografie und tradierte Lebensweise spannender vermitteln?

    "Im persönlichen Kontakt kleine Projektansätze fördern"

    Frage: Welche Rolle können Nicht-Regierungsorganisationen in diesem Zusammenhang spielen?

    Malisius: Die Bemühungen der Tansanier können mit Kreativität und Tatkraft in vielfacher Weise unterstützt werden. Dabei sollten Organisationen wie die Freundschaftsgesellschaften ihre spezifische Stärke nutzen: direkt, unbürokratisch und im persönlichen Kontakt und Dialog kleine Projektansätze zu fördern, sie geduldig reifen zu lassen und das schlummernde Potenzial zur Entfaltung zu bringen.
    Ich hätte hier viele Ideen, die gar nicht teuer sein müssen, z.B. Hilfe für die Schulung und Sprachkurse für Touristenguides; Förderung von Kunstwettbewerben, die sich mit dem historischen Erbe befassen (mit dem College of Arts und der Bildhauerschule und -kooperative); Finanzierung einer Fachexkursion nach Sansibar in die Stone Town, damit Bagamoyos Entscheidungsträger und Schlüsselpersonen von den dortigen Erfahrungen lernen und sich inspirieren lassen können; finanzielle oder handwerklicher Hilfe für das von BLACC geplante Projekt, das allererste Administrationsgebäude der deutschen Kolonialisten, das heute rasch verfällt und leer steht, als Student Hostel herzurichten; Unterstützung der ehemals deutschen Sewa-Haji-Schule, heute Mwambao Primary School, durch die Einrichtung einer Werkklasse für Schreinerei usw. usf.

    "Das gesamte immaterielle Erbe muß mit einbezogen werden"

    Frage: Bagamoyo in 10 Jahren: Steht dann möglicherweise am Ortseingang ein Schild: "Bagamoyo - Weltkulturerbe"?

    Malisius: Das kann gut sein, freuen würde es mich jedenfalls. Ich schätze die Chance auf 50 zu 50.
    Im Dezember 2000 hatte ich die Gelegenheit, diese Frage mit der zuständigen Beraterin, Frau Galia Saouma-Forero im World Heritage Centre der UNESCO in Paris zu diskutieren. Sie sieht eine realistische Chance. Allerdings sind die eher spärlichen materiellen Reste der Altstadt alleine dafür zu wenig. Es muss das gesamte immaterielle Erbe mit einbezogen werden wie Lieder, Musik, Tänze, Kulte, darstellende Kunst, Bräuche und Rituale, Handwerkstraditionen, Handels- und Karawanenrouten, Bootsbau und -verkehr, Religion und nicht zuletzt auch das unermessliche Leiden von Millionen von Afrikanern.
    Das alles muss unter den Stichwörtern Sklavenhandel und Sklavenroute besser erforscht und präsentiert werden.
    Aber auch ein lebensfähiges örtliches Management mit Vorschriften, Kontrollen und Managementplänen muss aufgebaut werden.
    Im Augenblick ist manches noch Zukunftsmusik, aber das riesige Interesse, dass das UNESCO-Projekt "Slave routes" in Westafrika und in den USA hervorgerufen hat, zeigt auch für Bagamoyo Möglichkeiten auf.

    (Das Interview führte Rudolf Blauth am 15.4.2001)

    Zur Person:

    Ulrich Malisius, 49, wohnhaft in Lillehammer/Norwegen. Dipl.-Architekt und Stadtplaner, Diplom Technologie in den Tropen. Gutachter und Berater für Ghadames/Libyen und Sanaa/Jemen (World Heritage Städte), Stadtkonservator in Roros/Norwegen (World Heritage Stadt), Planungsgutachten in Norwegen, EU-Projekte erneuerbare Energie. 1981-87 Stone Town Conservation Zanzibar (DED), 200-01 Boma conservation Bagamoyo (DED). Veröffentlichung: "The Stone Town of Zanzibar" (1985).


    Links

    UNESCO-Weltkulturerbe
    (mit Infos zu den bereits anerkannten UNESCO-Weltkultur- und Weltnaturstätten Tansanias)