Hermann Schulz, "Zurück nach Kilimatinde"

Carlsen Verlag, Hamburg, 2003
240 S., 14,50 EUR

Taschenbuchausgabe
Piper Verlag, München, 2005
237 S., 7,90 EUR

Buchautor Hermann Schulz, drei Jahrzehnte Leiter des Peter Hammer Verlages in Wuppertal, hat nach seinen beiden bisherigen Tansania-Büchern "Auf dem Strom" (1998) und "Wenn dich ein Löwe nach der Uhrzeit fragt" (2002) nun im renommierten Carlsen Verlag ("Harry Potter") seinen dritten Tansania-Roman innerhalb von fünf Jahren vorgelegt. Die beiden ersten Bücher des 1938 in Nkalinzi/Tansania geborenen Schriftstellers wurden von der Kritik hoch gelobt, in zahlreiche Sprachen übersetzt und mit Literaturpreisen ausgezeichnet.

Die Hauptperson des neuen Romans "Zurück nach Kilimatinde", der im Rahmen eines Arbeitsstipendiums des Landes NRW geschrieben wurde, ist der deutsche Jugendliche Nick Geldermann, der von einem in Deutschland lebenden Jugendfreund seines Vaters den Auftrag und das Geld bekommt, den Vater in Tansania aufzusuchen und ihm in einer vermuteten Notlage beizustehen. An seinen Vater und auch an Tansania kann sich Nick Geldermann zu diesem Zeitpunkt kaum noch erinnern, mit seiner Mutter und zwei Schwester hat er Missionar Geldermann und damit Tansania bereits in frühester Kindheit verlassen.

In der ehemaligen deutschen Garnison Kilimatinde nahe Dodoma findet Nick seinen Vater als gebrochenen, schwer depressiven Menschen, um den sich nur sein schwarzer Freund Abraham kümmert. In fünf Nächten, die den inhaltlichen Schwerpunkt des Buches darstellen, findet ein Dialog zwischen Vater und Sohn statt, der sowohl die Arbeit und gegenwärtige Lebenssituation des Missionars und Pastors in Tansania als auch das Auseinanderbrechen der Familie zum Thema hat. Beziehungsprobleme, Versuchungen, Schwierigkeiten und Perspektiven missionarischer Arbeit in Schwarzafrika sowie religiöse und ethische Grundfragen sind Bestandteil der ausschließlich während der Nachtstunden geführten Gespräche.

Die eigentliche Stärke des Buches entwickelt sich mit der Einführung der Person des Missionars Heinrich Geldermann, einer schillernden Persönlichkeit, die von allen bisherigen bekannten Vorstellungen eines Missionars in Afrika drastisch abweicht. Geldermann ist alles andere als ein Heiliger: Er trieb sich mit schwarzen jungen Mädchen herum (Nick: "Ich weiß immer noch nicht, ob hier vielleicht jüngere Geschwister von mir herumlaufen"), hat Alkoholprobleme, ist cholerisch und gelegentlich sogar brutal (z.B. gegenüber seinem eigenen Sohn, den er bereits beim ersten Wiedersehen gnadenlos zusammenschlägt). Er kümmert sich nicht um seine Kinder in Deutschland, schenkt seinem Geldgeber in Deutschland bezüglich der Verwendung der Spenden keinen reinen Wein ein, fliegt aus der Missionsgesellschaft und gelangt schließlich zu der Überzeugung, daß nicht etwa er Gott verlassen habe, sondern Gott ihn. Kurzum: der Mann präsentiert sich auf den ersten Blick als "leidenschaftlich, fromm und jähzornig, eine gefährliche Mischung".

In der Schilderung eines Afrikas jenseits aller negativen und ‚positiven’ Klischees nutzt Schulz die Person des Missionars Geldermann, um nicht nur das einseitige westliche Bild der Mission in Frage zu stellen, sondern im Verhältnis Schwarz-Weiß gleichzeitig auch für ein realistisches Bild des schwarzen Kontinents zu werben. Dies wird gegen Ende des Buches in der folgenden Passage ganz hervorragend zum Ausdruck gebracht:

Geldermann hat nach Auffassung von Taxifahrer Moses "ganz schnell mitgekriegt, dass hier kein zoologischer Garten ist und dass hier die Leute genauso depressiv, traurig, fröhlich, kaputt oder einfältig sind wie die Leute in Europa auch. Unsere Leute hauen und prügeln sich, betrügen und kämpfen, sind blöd oder begabt. Das wollen die meisten Weißen nicht sehen, es passt ihnen nicht in ihr Konzept. Unsere Leute merken das genau, lassen sich aber nichts anmerken. Weil sie grundsätzlich höflich sind – oder sie machen einen auf Bimbo, damit sie ihre Geschenke bekommen (…) Da ist Mr. Geldermann schon ein anderes Kaliber."

Neben diesen eindringlichen Passagen des Buches, in denen Schulz sehr geschickt und Schritt für Schritt die ursprünglich spontane Ablehnung Geldermanns durch den Leser revidieren kann, hätte sich der Leser gewünscht, dass in der gleichen Intensität (und mit vielen weiteren zusätzlichen Seiten) auch die Vorgeschichte in Deutschland und die Nebenfiguren entwickelt worden wären. Die Person der Freundin, die Nick später immerhin sogar nach Tansania begleitet, bleibt merkwürdig blass. Die Motivation des Jugendfreundes des Vaters, einem erfolgreichen Industriemanager, auch noch nach 18 Jahren intensiv an Missionar Geldermann zu hängen ("der bessere, der wildere Teil von mir selbst"), ist für den Leser nicht schlüssig nachvollziehbar. Und die Bezeichnung eines evangelischen Pastors jüdischer Abstammung in einer wichtigen Schlüsselgeschichte als "jüdischer Pfarrer" und "jüdischer Amtskollege" (ist er nun Christ oder Jude?) verwirrt den Leser.

In der Schilderung Afrikas muß der Leser zudem die Region schon aus eigener Erfahrung kennen, um sich in das Umfeld der Geschehnisse hinein versetzen zu können. Für Nick, der auf der Suche nach seinem Vater erstmalig bewußt in Schwarzafrika ist, spielen offensichtlich die Gerüche, Farben, die Vegetation, die Menschen, die Märkte am Straßenrand, die Bäume Afrikas etc. kaum keine Rolle. Auch wäre eine Einführung in den Ort Kilimatinde eine Bereicherung gewesen, eine literarische Schilderung seiner Bewohner, ihrer Kleidung, ihrer Häuser, ihres Straßenlebens, das Spielen der Kinder etc.

Schließlich greift es inhaltlich etwas zu kurz, das Erfolgsrezept der christlichen Sekten in Afrika, die im Roman auch Pastor Geldermann in seiner Missionsarbeit stark zusetzen (seine eigene Kirche wird kaum noch besucht), ausschließlich auf deren Finanzkraft zurückzuführen.

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass das Buch von Hermann Schulz, für den auch im dritten "tansanischen" Werk die Vater-Kind-Beziehung die ganz entscheidende Rolle spielt (der Vater des Schriftstellers starb nach der Geburt seines Sohnes auf der Schiffsreise von Tansania nach Deutschland), vor allem im Vater-Sohn-Dialog die Intensität, die Dichte seiner bisherigen Romane herstellen kann.

Bemerkenswert und diskussionswürdig sind die Bemühungen des Autors, das Leben nicht als "politisches Lehrstück" zu begreifen, sondern für Verständnis zu werben, dass es viele Situationen im Leben gibt, in denen "alle in der Falle sitzen", aus der "keiner raus kann", in denen "sich alle feige ducken unter einer sie beherrschenden Ideologie", in der "ihre Moral, ihre Frömmigkeit, ihre Bürgerlichkeit nur Attrappe sind und ihnen nichts nützen". Oder, wie es Pastor Geldermann ausdrückt: "Mein Leben hat sich erfüllt, seit ich alle meine Irrtümer und Schwächen zu akzeptieren gelernt habe. Fragen nach richtig oder falsch sind jetzt lächerlich."Missionars-Freund Abraham zum selben Thema: "Gott ist keine Krämerseele."

Rudolf Blauth


Fremdes Leben begreifen

Großer Ernst, rührende Facetten und tragisches Ende: Hermann Schulz' Jugendbuch "Zurück nach Kilimatinde" erzählt von einer bizarren Vater-Sohn-Beziehung

Nein, dies ist nicht einfach ein sentimentales Jugendbuch. Auch keins, dass - getarnt mit einer Alibi-Story - klammheimlich romantische Fern-Sehnsüchte befriedigt, auch wenn das Löwen-Cover dies suggeriert. Hermann Schulz' jüngst erschienener, zutiefst anrührender Jugendroman Zurück nach Kilimatinde widmet sich mit großem Ernst der Beziehung zwischen Vater und Sohn sowie den sich darum herum rankenden Familienverhältnissen.

Als Kleinkind hat der 16-jährige Protagonist Nick mit Mutter und Schwestern Tansania verlassen - und seinen Vater, den Missionar. Über die Trennung und den folgenden Rauswurf des Vaters aus der Missionsgesellschaft kursieren nur Gerüchte. Rund 13 Jahre ist das jetzt her, Nick hatte seither höchst sporadisch Briefkontakt zum Vater. Und dann tritt plötzlich ein Freund seines Vaters an Nick heran: Er solle zum Vater reisen, der - das ahnt der Fremde -, Hilfe braucht.

Nick tut wie ihm geheißen und findet einen schwer depressiven, schwierigen Charakter im Dorf Kilimatinde vor. Ein Fremder ist dieser Vater, dem sich der Sohn nur mühsam nähert. Erst wäscht er den Apathischen, ringt nächtelang mit ihm, beginnt fremdes Leben und Scheitern zu begreifen.

Doch das ist nur die eine Hälfte der Geschichte. Religiöse Selbstgerechtigkeit, Strenge mit sich und anderen und von der Zeit tragisch überholter Idealismus kennzeichnen die Vita des Alternden, der viel zu spät erst begreift, wie er Prioritäten in seinem Leben anders hätte setzen können. Eine klassische Katharsis-Situation also, die der Autor hier konstruiert und die sich einer holzschnittartigen Charakterzeichnung verweigert.

Denn auch der Sohn wächst im Laufe dieser Begegnung über sich hinaus und versöhnt sich mit dem kantigen Vater, der ihm am Ende dann auch noch zumutet, Zeuge seines selbst gewählten Sterbens zu werden. "Verzeih mir, dass ich dir den Schmerz nicht ersparen konnte. Aber ich bin ein schwacher Mensch und wollte den Trost deiner Anwesenheit", schreibt er in seinem Abschiedsbrief. "Er konnte erst Abschied nehmen, als du gekommen bist. Darum hat er gebetet", bestätigt Abraham, der Nachbar und Freund des Vaters. Eine anrührende Facette, die aus der Geschichte eine relevante Episode über einfühlsame Sterbebegleitung macht."

Petra Schellen, taz, 22.12.2003

 


Unser Afrika

Hermann Schulz entdeckt uns den dunklen Kontinent

Auf dem Buchumschlag von Zurück nach Kilimatinde ist ein gewaltiger Löwe (gezeichnet von Wolf Erlbruch) zu sehen. Eigentümlich gequält ist die Haltung des Löwen. Er sitzt und windet sich, als hätten sich seine Kraft und Wildheit gegen ihn gerichtet. In der Geschichte kommt überhaupt kein Löwe vor, aber ein deutscher Missionar. Er hockt schwer depressiv in einem Dorf in Tansania. Einst hatte ihm seine Leidenschaft für Gott, für Frauen und für alles Kraftstrotzende ein pralles Leben beschert. Aber dann zerbrach seine Familie, die Frau kehrte mit den Kindern nach Deutschland zurück. Und die Dorfbewohner bevorzugten eine amerikanische Sekte, die mit Geschenken und heiterem Singen warb. Gott hat ihn verlassen, lautet seine Klage. Das ist Nicks Vater.

Nick hat ihn seit seinem vierten Lebensjahr nicht mehr gesehen. Als Nick seine Schullaufbahn kurz vor dem Abitur abbricht und eine Stelle als Volontär bei einer Lokalzeitung annimmt, taucht ein reicher Mann auf, der sich als bester Freund des Vaters vorstellt. Er fleht Nick an, den Vater zu besuchen. Nick zögert. Er ist anders als sein Vater, kein Himmelsstürmer, aber auch nicht depressiv, eher ein Beobachter und Melancholiker, verschlossen, ohne Illusionen und mit einer zänkischen Beziehung zur Mutter. Aber wie sein Vater kämpft auch Nick gegen eine innere Leere. Dann kommen Erinnerungen an die frühen Lebensjahre hoch, und Nick entschließt sich doch zu reisen. Die Begegnung von Vater und Sohn ist hochdramatisch, hilflos und provozierend. Aus der Sprachlosigkeit der beiden macht Hermann Schulz große Literatur.

Wie will ich sein, als Mann? Diese Frage durchzieht das Leben des Vaters. Nicks Suche ist vorsichtiger: Wie will ich sein, als Mensch? Gleichwohl, es ist eine sehr männliche Geschichte. Auch ein Taxifahrer und ein alter weiser Mann spielen eine Rolle. Frauen hingegen kommen nur am Rande vor und dann entweder verführerisch oder als Hebammen männlicher Erkenntnisse oder als Retterinnen oder eben zänkisch kleinkariert. Männerfantasien. Normalerweise ist das dürftig und platt. Hier nicht, Schulz schafft das Kunststück, distanziert zu erzählen, ohne seine Sympathie für den vitalen Lebensentwurf des Vaters zu leugnen. Eine wunderliche, aber wunderbare Geschichte!

Man darf wohl erwähnen, dass auch Schulz in Afrika geboren ist und vaterlos aufwuchs. Später leitete er 30 Jahre lang den Peter Hammer Verlag. Er hat vor allem afrikanische und südamerikanische Autoren hierzulande bekannt gemacht. Erst seit seiner Pensionierung schreibt er Jugendbücher. Inzwischen ist er neben Andreas Steinhöffel und Zoran Drvenkar eine der großen Hoffnungen deutschsprachiger Jugendliteratur.

Für die etwas Jüngeren, etwa ab zwölf, ist die Abenteuergeschichte Dem König klaut man nicht das Affenfell. Temeo, die Hauptfigur, ist bereits aus dem Erfolgsbuch Wenn dich ein Löwe nach der Uhrzeit fragt bekannt. Temeo hat eine afrikanische Mutter und einen deutschen Vater. Eines Tages erhält er einen Auftrag als Fremdenführer. Er soll einer fünfköpfigen Gruppe europäischer Touristen eine geheimnisumwobene Insel im Victoriasee zeigen. Um den Erwartungen der Europäer über den "dunklen Kontinent" gerecht zu werden, inszeniert Temeo allerlei Spektakel. Aber irgendwer ist ein noch größerer Zauberer. Die Sache gerät aus den Fugen und wird sehr witzig erzählt. Plötzlich ist die Gruppe mittendrin in einer alten Geschichte, die sich tatsächlich vor langer Zeit, als die Deutschen dort Kolonialmacht spielten, zugetragen hat.

Wieder eine Afrika-Geschichte. Der Kontinent ist in beiden Geschichten nicht lediglich die geliebte Region des Autors, die er seinen Lesern nahe bringen möchte. Afrika ist für Europäer auch ein Wort für bestimmte Vorstellungen und Hoffnungen über Spiritualität. Deshalb die Brüche, Umwege und verschiedenen Perspektiven, die Hermann Schulz in seine Geschichten hineinnimmt. Afrika, das spürt jeder Leser, ist nicht dunkler als andere Regionen der Welt, aber ein innerer Teil von uns.

Jürgen Stahlberg, Frankfurter Rundschau, 19.11.2003