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Pater Johannes Henschel gestorben

Pater Johannes Henschel in Bagamoyo
Pater Johannes Henschel in Bagamoyo / Fotos: Peter Harke

Am Freitag, 13.4.2018, ist in Knechtsteden Pater Johannes Henschel im Alter von 83 Jahren gestorben.

Johannes Henschel wurde am 1.5.1961 im Spiritanerzentrum Knechtsteden zum Priester geweiht. Von 1962-1980 arbeitete er in der religiösen Kinder- und Erwachsenenbildung. 1970 erfolgte der Abschluss einer Journalistikausbildung.

Von 1981-82 war Henschel in der Diözese Bethlehem in Südafrika zur Zeit des Apartheid-Regimes tätig. Im Anschluss wirkte er zehn Jahre lang von 1982-1992 als Chefredakteur des katholischen Missionsmagazins „Kontinente“ in Köln.

Danach zog es ihn wieder nach Afrika. Eingestellt als Touristenseelsorger in Bagamoyo (1992-94 und 1998-2002) widmete er sich mit aller Kraft der Aufarbeitung der Sklavereigeschichte in Ostafrika und in Bagamoyo sowie der Stadtgeschichte von Bagamoyo. Zahlreiche historische Bücher und Broschüren sowie der von ihm initiierte und betreute Aufbau des  Katholischen Museums in Bagamoyo (mit finanzieller Unterstützung der Bundesregierung) dokumentieren sein Lebenswerk.

Pater Henschel vor dem Katholischen Museum in Bagamoyo
Pater Henschel vor dem Katholischen Museum in Bagamoyo

Zwischen seinen Aufenthalten in Bagamoyo lebte und arbeitete Pater Henschel in Rostock, wo er eine internationale Spiritanergruppe gründete. Von 2003 bis 2008 war er Touristenseelsorger an der Mecklenburger Ostseeküste.

Im Jahr 2008 ging Pater Henschel in den Ruhestand, setzte aber seine Studien zur Sklavereigeschichte fort.

Zum großen Generalkapitel 2012 in Bagamoyo, der obersten legislativen Versammlung der Spiritaner weltweit, fertigte er eine Ausstellung an, die er vor Ort den 120 Delegierten aus allen Kontinenten präsentierte.

Pater Henschel hat sich große Verdienste um die Aufarbeitung der Sklavereigeschichte in Ostafrika, um die Geschichte Bagamoyos und um die deutsch-tansanische Freundschaft erworben.

Er wurde für seine Verdienste von der Regierung Tansanias mit dem Zeze Award ausgezeichnet - der höchsten Auszeichnung, die in Tansania im Kulturbereich vergeben wird.

In dem mehrfach preisgekrönten und in mehrere Sprachen übersetzten Kinderbuch "Mandela & Nelson" (Verlag Carlsen) hat der Schriftsteller Hermann Schulz im Jahr 2010 Pater Henschel ein kleines literarisches Denkmal gesetzt.

Durch Ratschläge und persönliche Begegnungen unterstützte Pater Henschel die Arbeit des Freundeskreises Bagamoyo e.V. Der "Historische Stadtrundgang Bagamoyo" auf der Homepage des Vereins basiert ganz wesentlich auf seinen jahrelangen Studien zur Stadtgeschichte. Die Veröffentlichung seiner Broschüre "19th Century, Humans as Merchandise, Slaves in Bagamoyo" war ein gemeinsames Projekt des Freundeskreises und der Spiritaner. Die Publikation der deutschen Übersetzung ist im zweiten Halbjahr 2018 vorgesehen.


Publikationen von Pater Johannes Henschel

"Alles begann in Bagamoyo : 100 Jahre Kirche in Ostafrika"
Von Johannes Henschel, 1983

"1851-1897 Sewa Haji Pavoo in Bagamoyo: Once Important, Now forgotten?"
Broschüre von Johannes Henschel u.a., Bagamoyo 199?

"Christus wurde Maasai : Kirche unter den Nomaden in Ostafrika"
Von Johannes Henschel, 1991

"A short article in English about the history of Bagamoyo"
by Fr. Johannes Henschel of the Catholic Mission and Felix Ndunguru of the Antiquities Station

"Die Geschichte über das Sklavenmächen Siwema"
Von Johannes Henschel

"The story of the slave girl Siwema: tears of fear, tears of joy"
By Johannes Henschel, 199?

"Das katholische Museum in Bagamoyo und Touristenpastoral"
Von Johannes Henschel

"The Catholic parish in Bagamoyo"
By Johannes Henschel

"Bagamoyo and slavery in the 19th century. The two worlds: the on slave based society in Bagamoyo and surroundings, the slave free society on the Catholic compound"
By Johannes Henschel u.a., 2000, 2. Auflage 2009

"Bagamoyo na utumwa katika karne ya 19: Dunia Mbili"
By Johannes Henschel u.a., 2001

"Descendants of former slaves and slave owners tell about slavery in Bagamoyo"
By Johannes Henschel u.a., 2001

"Bagamoyo during the Bushiri War : 1888-1889"
By Johannes Henschel u.a., 2003

"Afrika erzählt: Mythen, Sagen, Tierfabeln, Märchen, Lehrgeschichten, erzählende Theologie"
Von Johannes Henschel, 2003

"Die Sehenswürdigkeiten von Bagamoyo"
Von Johannes Henschel u.a., Homepage Freundeskreis Bagamoyo e.V.

"19th Century: Humans as Merchandise – Slaves in Bagamoyo“
By Johannes Henschel, 2011
(Gemeinsame Broschüre von Freundeskreis Bagamoyo e.V. und Spiritaner)

"Ei­ne selt­sa­me Mis­si­ons­me­tho­de. Wo al­les so merk­wür­dig be­gann - Welt­gip­fel­tref­fen der Spi­ri­ta­ner in Ba­ga­mo­yo"
Artikel von Johannes Henschel in "Kontinente" 2012

Buchbesprechung: Johannes Henschel: "Argwöhnisch beobachtet"
Das gespannte Verhältnis zwischen deutschen Kolonialbeamten und katholischen Missionaren in Bagamoyo/Ostafrika, 2013

"Flüchtlinge in Tansania: Rasche Hilfe erforderlich"
Artikel von Johannes Henschel in "Kontinente" 5/2013


Interview mit Pater Johannes Henschel (2011)

Pater Johannes Henschel auf dem Missionsgelände in Bagamoyo
Pater Johannes Henschel auf dem Missionsgelände in Bagamoyo

Pater Henschel, herzlichen Glückwunsch zum 50-jährigen Priesterjubiläum!
Pater Henschel:
Vielen Dank!

Wie werden Sie den Feiertag begehen?
Es gibt am Sonntag erst einen feierlichen Gottesdienst,  dann ein gemütliches Beisammensein mit den Angehörigen und ein gutes Mittagessen.

War der Priesterberuf bereits Ihr Kindheitstraum?
Nach der Vertreibung aus Ostpreußen bin ich mit meinen Eltern 1946 in Mönchengladbach gelandet. Dort liegt in der Nähe das Kloster Knechtsteden, das mich als Gymnasiast zu den Spiritanern führte – zur großen Freude meiner sehr gläubigen Eltern.

Was faszinierte Sie bei den Spiritanern?
Mich überzeugten die drei Hauptaufgaben der Spiritaner: 1. Die Hilfe für Menschen, die sozial an den Rand der Gesellschaft gedrückt wurden, 2. die Übernahme der Aufgaben für die Menschen, für die die katholische Kirche kein Personal hat und 3. das Finden und Gehen neuer Wege in der Seelsorge. 

Wie kam Ihr Kontakt zu Bagamoyo zustande?
Von 1868-78 war Bagamoyo die Hauptzentrale der deutschen Spiritaner in Ostafrika. 1990 erfolgte die Übernahme durch die tansanischen Spiritaner. Mich ereilte der Ruf nach Bagamoyo, weil ich Historiker bin und Erfahrungen hatte in der Kinder-, Jugend- und Erwachsenenbildung. Damals nahm die Bedeutung der Stadt als Touristenort zu. 1992 kamen 6.000 Touristen nach Bagamoyo, 1998 bereits 20.000 und heute sind es 40.000 pro Jahr. Es wird mit einer weiteren Steigerung auf 100.000 gerechnet.

Wie war 1992 Ihr erster Eindruck von Bagamoyo?
Ich erlebte einen recht  friedlichen Ort mit einem bezauberndem Charme, einer unberührten Natur und einem reichen kulturellen und geschichtlichen Erbe. Sehr schnell hat sich eine enge Zusammenarbeit mit der örtlichen Denkmalschutzbehörde entwickelt.

Welche Zukunft geben Sie der Stadt?
Wenn es gelingt, das neue UNESCO-Weltkulturerbe „Ostafrikanische Sklaven- und Handelsroute“ einzurichten und durch einen neuen Hafen eine Verbindung zu Sansibar herzustellen, wird Bagamoyo einen weiteren Aufschwung als Touristenort bekommen. Das wird viele neue Arbeitsplätze schaffen. Hinzu kommt der neue Küstenhighway von Daressalam über Pangani nach Tanga. Schon jetzt wächst die Einwohnerzahl rasant an, die Zahl der katholischen Pfarreien ist z.B. wegen der neuen Vororte von eins auf drei gestiegen.

Im Januar gab es zum Thema Stadtentwicklung eine große Tagung?
Ja, am 29.1. fand im Spiritan Cultural Centre der Spiritaner ein hochkarätig besetztes Symposium statt mit 60 Experten zum Thema „Bewahrung von Bagamoyo“. Es waren z.B. Vertreter des Tourismusministeriums, der Direktor des Nationalmuseums, der Dekan der historische Fakultät an der Uni Dar sowie führende Geschäftsleute vertreten mit einer großen Berichterstattung in der Presse. Das hat der Entwicklung der Stadt neue Impulse verliehen.

Was wurde konkret diskutiert?
Es wurde z.B. über die Restaurierung historischer Gebäude gesprochen, ich denke da an das Old Fathers House in der Mission, vor allem aber an in die zerfallenen Häuser in der India Street, der früheren deutschen Kaiserstraße. Einige Gebäude wie das Alte Arabische Teehaus oder die Alte Post wurden bereits gut restauriert, die Renovierung der alten Boma erfolgt nur zögernd, geht aber voran. Der Alte Markt soll ein großes Kunsthandwerkszentrum werden.

Dafür hat aber das Millenium Hotel mit einem neuen Bauklotz eine große Bausünde in der Altstadt begangen.
Hm. Ich weiß nicht, wie sie dafür eine Baugenehmigung bekommen konnten.

Auch das riesige neue Strandhotel der katholischen Kirche ist nicht gerade eine Augenweide.
Ich habe dazu durchaus meine eigene Meinung. Das neue „Stella Maris“ (Meeresstern) soll ein preiswertes öffentliches Hotel der katholischen Pfarrgemeinde und bereits Ende 2011 eröffnet werden. Spätestens zum Generalkapitel 2012 in Bagamoyo, der obersten legislativen Versammlung der Spiritaner mit 120 Delegierten aus allen Kontinenten, muss es fertig sein. Ich werde für dieses große Treffen übrigens eine Ausstellung zu den vier pastoralen Methoden der Spiritaner von 1869 bis heute vorbereiten: 1868-1884 „Die Befreiung von der Sklaverei“, 1884-ca. 1920 „Aufbau von Schulen in ganz Tansania“, 1936-1968 „Ausbildung von afrikanischen kirchlichen Führungskräften“ und 1968 bis heute „Pfarrseelsorge, Schulen, Gesundheitszentren, Touristenseelsorge etc.“.

2013 wird der 200. Geburtstag von David Livingstone gefeiert. Ist dieses Datum in Tansania präsent?
Was Tansania betrifft: Keine Ahnung. Was Bagamoyo betrifft: 0,0 %. Gegenwärtig stellen sich der Stadt dringendere Aufgaben, z.B. der Zusammenbruch der Altstadt. Vielleicht führen ja unsere neue Broschüre über die Sklavereigeschichte von Bagamoyo oder die weiteren Bemühungen zur Anerkennung als Weltkulturerbe zu diesem Thema.

Vielleicht hängt die Zurückhaltung aber auch damit zusammen, dass die Sklaverei in Tansania fast ein Tabuthema ist?
Man muss bedenken, dass im Gegensatz zu Westafrika die Sklaverei in Ostafrika erst 1920 endgültig abgeschafft wurde. In Bagamoyo leben die direkten Nachfahren von Sklaven und Sklavenhändlern heute noch Tür an Tür. Das ist ein ganz sensibles Thema. Um meine Broschüre überhaupt jetzt drucken zu können, musste ich zuvor zwei Kapitel zum Thema „Sklaverei und Islam“ komplett umschreiben. Immerhin: Mit Unterstützung des katholischen Bischofs von Sansibar bereite ich gerade eine Ausstellung über die Sklavereigeschichte 1860-1880 vor, die dann im Museum des katholischen Bischofshauses von St. Joseph mitten in Stonetown gezeigt werden soll.

Wie erklären Sie sich den großen Zulauf der Kirchen in Ostafrika – im Gegensatz zu Europa?
Eine schwierige Frage, für deren Beantwortung man einige soziale Aspekte in Europa durchleuchten müsste. Ich würde aber nicht aus der abnehmenden Zahl von Gottesdienstbesuchern in Deutschland auf ein Desinteresse an der Kirche schließen. Kirchliches Leben ist viel mehr als der Gottesdienst, ich denke da z.B. an die vielen aktiven Ehrenamtlichen. Für uns als Spiritaner kommt es außerdem darauf an, die Menschen dort abzuholen, wo sie sind - und dann mit ihnen zusammen neue Wege zu finden.

Pater Henschel, fühlen Sie sich mit 76 Jahren noch fit für die vielen weiteren Aufgaben in Afrika?
Ich bin gesund und fühle mich als Rentner überhaupt nicht arbeitslos!


Das Gespräch führte Rudolf Blauth (Freundeskreis Bagamoyo e.V). im Jahr 2011 aus Anlass des 50. Priesterjubiläums von Pater Johannes Henschel.