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Hermann Schulz, "Leg nieder dein Herz"

Buchcover

Carlsen Verlag, Hamburg, 2005
200 S., 13,90 EUR

Erneut hat der in Tansania geborene Autor Hermann Schulz einen überwiegend in Afrika handelnden Roman vorgelegt, der sicherlich zu den stärksten seiner bisher vorgelegten Tansania-Bücher zählt und der sich erstmals eher an erwachsene Leser und Leserinnen richtet.

Zum Inhalt: Die norddeutsche Bauerntochter Friederike Ganse entflieht unter dramatischen Umständen ihrer Heimat und ihrem Verlobten. Das neue Ziel heißt Afrika, wo sie als evangelische Missionarin in Bukoba eine neue Aufgabe und vor allem ihren (bislang noch nicht wirklich vorhandenen) Glauben finden will. Während der Reise nach Tansania lernt Ganse den englischen Geschäftsmann Joseph Pollock kennen. Die beiden verlieben sich ineinander und verbringen leidenschaftliche Tage in der Küstenstadt Bagamoyo, wo Friederike dann allerdings "ihr Herz niederlegt" (wörtliche Übersetzung des Namens der Stadt), den Geliebten verläßt und stattdessen unmittelbar nach der Ankunft in Bukoba den ihr bis zu diesem Zeitpunkt vollkommen unbekannten Missionar Mario Kindermann heiratet. Nach vielen Jahren aufopferungsvoller Missionsarbeit an der Seite Kindermanns nimmt die Lebensgeschichte der Missionarin dann aber noch eine überraschende und dramatische Wendung.

Das sehr angenehm und zügig zu lesende Buch von Hermann Schulz greift erneut alle Themen auf, die den Autor seit Beendigung seiner Verlegertätigkeit beim Peter Hammer Verlag beschäftigen: Afrika, Tansania, deutsch-tansanische Begegnungen, Religion, die Rolle der Mission, Eltern-Kind-Beziehungen (insbesondere Vater-Sohn-Beziehungen) und außergewöhnliche Menschen.

Was die Thematik des Romans angeht, erleben eingefleischte Hermann Schulz-Anhänger, abgesehen von der auf Tatsachen (es gibt eine historische Vorlage und Tagebücher) beruhenden außergewöhnlichen Lebensgeschichte Friederike Ganses, insofern eigentlich nichts Neues. Und dennoch ist der Roman etwas Besonderes und sozusagen eine Klammer und Vollendung aller bisherigen Afrika-Bücher des Wuppertaler Autors.

Das Buch schließt in seiner Erzählung unmittelbar an "Zurück nach Kilimatinde" an: Der junge Nick Geldermann hat den Auftrag bekommen, die Geschichte der Friederike Ganse zu schreiben. Friederike Ganse wiederum ist die Schwester von Friedrich Ganse, der am Tanganyika-See lebenden Hauptperson des ersten Afrika-Romans "Auf dem Strom". Und der englische Liebhaber Joseph Pollack hatte dem inzwischen gealterten Temeo Kirschstein (Hauptperson in "Wenn Dich ein Löwe nach der Uhrzeit fragt" und "Dem König klaut man nicht das Affenfell") die geologischen Unterlagen seines Vaters abgekauft und damit sein Vermögen vermehrt.

So verdichten sich in dem Buch die bisher ganz unterschiedlichen Geschichten allmählich zu einer Art deutsch-tansanischer Saga in Afrika. Eine Saga, die oft die Missionsarbeit zum Ausgangspunkt nimmt, und die entweder von Deutschen oder Europäern in Afrika handelt oder von Afrikanern und ihrer Kultur in der Begegnung mit Deutschen.

Wobei Missionsarbeit, wie sie dem Leser bei Hermann Schulz begegnet, durchweg dem gängigen Klischee des aufopferungsvollen Diener Gottes ("Wer viele Worte benutzt, Gott zu loben, glaubt im Grunde nicht an ihn"), den Kampf ansagt: Die Missionare von Hermann Schulz sind Menschen voller Zweifel ("Sie liebte alles, was mit Frömmigkeit zu tun hatte. Aber geglaubt hat sie nicht"), Anfechtungen und Sehnsüchte - und sie stellen sich früher oder später alle den Realitäten, die sie im fernen Afrika vorfinden.

Mit seinem Buch hat Hermann Schulz, und das ist die echte Stärke seines Romans, auch wieder zu dem wunderbaren und feinen Humor zurückgefunden, der "Wenn Dich ein Löwe nach der Uhrzeit fragt" so ausgezeichnet hat. "An Gott musste man glauben, Männer musste man lieben" - das war die einfache Gleichung der Friederike Ganse, der ihr lebenslustiger Ehemann Mario Kindermann ins Stammbuch schrieb: "Unser Gott hat einen deftigen Humor, Fridchen, sonst hätte er nicht so viele Hautfarben, Religionen und Sekten zugelassen. Und nicht solche scharfen Frauen wie dich und solche komischen Typen wie mich erschaffen! Wir sollen unseren Spaß am Leben und an der Liebe haben, nicht wahr?"

Wobei Hermann Schulz, der an anderen Stellen von "Gottes Humor" spricht und einen Beerdigungsredner am Grab sagen läßt, dass "das Lachen (des Verstorbenen) von der Fröhlichkeit Gottes erzählte", eigentlich dem jüdischen Gottesbild ("Gott lacht mit dem Menschen") viel näher steht als dem christlichen.

Welchen spitzbübischen Spaß Hermann Schulz offensichtlich selbst am Schreiben seines neuen Werkes gehabt hat, können Tansania-Freunde an ganz vielen Stellen des Buches erkennen. So wird die Abwerbung "der blonden Helen" aus der Travellers Lodge in Bagamoyo (ausgerechnet für einen "tadellos britischen" Herrensitz im englischen Chatham) sicher manchem Bagamoyo-Insider ein Schmunzeln entlocken. Überhaupt Bagamoyo: Für den Autor "vielleicht eine Stadt, vielleicht nur ein Dorf, ein Flecken, eine Idee?".

Doch Hermann Schulz wäre nicht Hermann Schulz, würde er sich nicht an vielen Stellen mit aktuellen Fragestellen der Entwicklungszusammenarbeit auseinander setzen. So geht es in seinem Buch auch um Themen wie "Korruption in der tansanischen Kirche" (beruhend auf eigenen Erfahrungen), "Die Rolle von deutschen Nicht-Regierungsorganisationen in Tansania", um interkulturelle Missverständnisse, um Verantwortung für Armut, um afrikanisch-europäische "Mythen, Tricks und Zauberei".

Das (nicht deshalb) im Harry-Potter-Verlag Carlsen erschienene Buch "Leg nieder dein Herz" ist insgesamt ein sehr bemerkenswertes Buch und die Vorhersage weiterer Literaturpreise kein allzu großes Risiko. Es ist ein Buch über eine sehr bemerkenswerte Frau, eine Frau mit "ihren Leidenschaften, ihren Widersprüchen, ihrer Art von Frömmigkeit". Hermann Schulz erzählt uns von einer ungewöhnlichen Liebesgeschichte in Afrika.