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Brigitte Heister, Esther Kinsky, "Es ist Nacht in Bagamoyo..."

Nachtszene am Strand

"Es ist Nacht in Bagamoyo. Der Vollmond steht über den hohen, schmalen Palmen am Strand und wirft sein weißes Licht auf die kleine Stadt, auf die niedrigen Häuser mit ihren Dächern aus Palmblättern und Wellblech, in die engen Gäßchen, auf die breiten, staubigen Wege und den gewaltigen Baobab, der mächtig und dunkel inmitten des Städtchens aufragt. Die hohen weißen Steinhäuser am Meer blicken ernst aus ihren schmalen Fenstern in die Nacht und werfen düsteren Schatten auf den hellen Sand. Alles ist still, nichts rührt sich zwischen den Häusern und Bäumen. Nur zwischen den Booten, die hoch auf den Strand gezogen sind, huschen eilig und fast lautlos Hunderte von Krebsen umher, suchen sich Nahrung und verschwinden blitzschnell wieder in ihren tiefen, kleinen Löchern im Sand. Und die Wellen des Indischen Ozeans, die sanft auf den weißen Strand rollen und wieder zurückfließen, rauschen leise.

Bagamoyo ist ein trauriger Name. es bedeutet etwa `das Herz zurückgelassen`. Vor vielen hundert Jahren gab man der Stadt diesen Namen. Damals kamen die Araber von Norden mit ihren Schiffen über den Indischen Ozean, um das südöstliche Afrika zu erobern und die Einwohner als Sklaven zu nehmen. Tausende von Kindern, Frauen und Männer wurden gefangengenommen und im Dunkeln auf die kleinen Boote, die arabischen Dhaus, gebracht, die im Hafen von Bagamoyo lagen. Wenn der Tag anbrach, waren sie schon auf hoher See, in weiter Ferne konnten sie vielleicht noch einen schmalen Streifen der Küste erkennen. Dann weinten und klagten die Gefangenen, die ihre Familien, ihr Zuhause, alles, was ihre Herzen mit Leben und Freude erfüllte, zurücklassen mußten. Die Einwohner des Landes, die furchtsam und traurig zurückblieben, gaben der Hafenstadt diesen Namen `Bagamoyo` zur Erinnerung an ihre verschleppten Verwandten und Freunde.

Die hohen weißen Steinhäuser am Meer mit ihren verzierten Fenstern und schweren, geschnitzten Türen erinnern noch an die Zeit, in der die Araber im Lande herrschten und von hier aus ihren Sklavenhandel überwachten. Aber Bagamoyo ist heute eine fröhliche, kleine Küstenstadt, Menschen aus den verschiedensten Gegenden der Welt haben sich hier niedergelassen, denn der Boden ist fruchtbar und das Meer voller Fische. Kaum jemand denkt hier noch an die traurige Geschichte, die mit den ernsten, großen Gebäuden verbunden ist. Kaum jemand denkt daran, daß die Dhaus, die flachen, breiten, nur vom Wind getriebenen Boote, die auch heute noch täglich viele Reisende zwischen der Küste und den Inseln transportieren, genauso aussehen und gebaut werden wie die Boote, in denen vor vielen hundert Jahren die Sklaven ihre gefährliche Reise über das weite, offene Meer machten.

Der Mond ist inzwischen hinter den Palmen und Mangobäumen untergegangen, und in der klaren Nacht sind die Sterne jetzt deutlich zu sehen. Weit hinten über dem Meer kann man ein paar flackernde Lichter erkennen. Das ist Sansibar, die große Gewürzinsel vor der Küste von Tansania. Sansibar - das ist ein Name, der auch heute noch nach goldbeladenen Schiffen reicher Kaufleute klingt, nach Seeräubern und Abenteurern.

Es ist ganz dunkel jetzt, da der Mond untergegangen ist. Die Sterne werden langsam blasser und scheinen dabei immer weiter in den Himmel hinaufzusteigen. Weit und breit ist noch kein dämmriger Streifen am Horizont zu erkennen, aber bald wird es Tag."

(Aus: Brigitte Heister, Esther Kinsky, "Unser fremdes Land", Tansanisches Reisebilderbuch mit Illustrationen von Brigitte Heister, Gildenstern Verlag, Bad Honnef, 1987, 56 S.)