Hermann Schulz, "Auf dem Strom"

Buchcover

Carlsen Verlag, Hamburg, 1998
136 S., 12,50 EUR
Taschenbuchausgabe Verlag Piper, 7,90 EUR

Um es gleich vorwegzunehmen: Es ist ein sehr schönes kleines Buch geworden, das Hermann Schulz uns vorgelegt hat - sowohl was die Sprache, als auch die Aufmachung und Gestaltung des Buches betrifft.

Die Geschichte, die der Autor erzählt, spielt im Westen Tansanias am Tanganjikasee. Sie handelt von der abenteuerlichen Reise des Missionars Friedrich Ganse mit seiner Tochter Gertrud und besteht laut Anhang zumindest zum Teil aus wahren Überlieferungen.

Als der Missionar nach einer Überlandfahrt zu seiner Missionsstation zurückkehrt, ist seine Frau Eva tot und seine Tochter Gertrud lebensgefährlich erkrankt. Der Deutsche muß seinen Schmerz zurückdrängen, denn nur eine Bootsfahrt von fünf Tagesreisen den Fluß hinunter zum Hospital kann seiner Tochter noch das Leben retten. Die Dorfbewohner haben ihm ein einfaches Boot und Proviant bereitgestellt. Der Missionar rudert los - der brütenden Hitze, tropischen Gewittern, Gefahren durch gefährliche Wassertiere oder reißenden Stromschnellen ausgesetzt. Wird er es schaffen, sich und vor allem seine Tochter Gertrud zu retten?

Hermann Schulz erzählt seine Geschichte schnörkellos, sachlich und trotzdem sehr poetisch - und vor allen Dingen spannend! Der Leser wird sich kaum davon abbringen lassen, das Buch in einem Zug von vorne bis hinten durchzulesen. Trotz (oder vielleicht wegen?) der unkomplizierten Erzählweise kommen der Bann und auch die Mystik Afrikas beim Leser voll zur Geltung: die Gerüche und die Geräusche des Flusses können fast körperlich miterlebt werden.

Und obwohl sich ein eigentlich auch recht einfacher Handlungsablauf darstellt, werden auf unaufdringliche Art und Weise komplexe Themen nachvollziehbar aufgegriffen, die aufzugreifen (auf nur 136 Seiten!) vom Selbstbewußtsein des Autors zeugen, der selbst viele Jahre in der Dritten Welt zugebracht hat: traditionelle Heiler, traditionelle Medizin und das schwierige Verhältnis der christlichen Missionare zu diesem Themenbereich ("Sie waren mächtig, diese Zauberer, und Feinde der Missionare. So wie die Missionare Feinde der Zauberer waren"), britische und deutsche Kolonialvergangenheit in Ostafrika, schwarzer Widerstand gegen die Kolonialherren, schwarze Stammesstrukturen - Schulz hat nichts ausgelassen.

Der Leser wird zudem eingeführt in die Hilfsbereitschaft und Gastfreundlichkeit der einfachen Dorfbevölkerung Ostafrikas, und auch das Selbstverständnis der Mission wird nicht theoretisch abgehandelt, sondern in den Selbstzweifeln und Reflexionen der Person Friedrich Ganse verdeutlicht - einem frommen Mann, der bis zu dem tragischen Ereignis seinem Beruf mit einer gewissen Verbissenheit nachging: "Die Weißen witzelten, selbst der Bischof würde nach Ganses Predigten in sich gehen und Buße tun."

Erst durch die Bootsfahrt mit seinem kranken Kind lernt es Ganse, der doch schon so viele Jahre in Afrika gelebt hat, in die Zauberwelt Afrikas einzudringen, sich vorurteilsfrei der einheimischen Bevölkerung anzunähern und seine eigene Rolle als Missionar zu reflektieren: "Er liebte das Leben auf dem Dorf. Der Gedanke aber, daß seine vielen Predigten, Besuche in den Häusern und Sorgen um die Kranken kaum jemanden bewogen hatte, sich taufen zu lassen, stimmte ihn traurig. Vielleicht war er einfach nur ein schlechter Missionar?"

Eine besondere Rolle spielt in der Erzählung das Vater-Tochter-Verhältnis. Im Klappentext wird hierzu ausgeführt: "Fünf Tage, die Vater und Tochter einander so nahe bringen wie nie zuvor, die vor allem Friedrich Ganse versöhnen mit seinem Vater im fernen Deutschland, mit seiner Mission, mit seinem Gott. Und mit seiner Tochter Gertrud." Oder, besser ausgedrückt in den Worten eines Dorfältesten, der lächelnd sagt: "Man weiß nie, durch welche Wege des Himmels der Mensch Glück oder Unglück erfährt. Wir haben immer nur einen Weg, einen anderen können wir nicht gehen."

Der Autor, Hermann Schulz, ist jedem Afrika-Kenner ein Begriff. Schulz, geboren 1938 in Nkalinzi/Tansania, lebt seit 1960 in Wuppertal und leitete viele Jahre den Peter Hammer Verlag. 1981 erhielt er den von-der- Heydt-Kulturpreis der Stadt Wuppertal.

Die Illustrationen des Buches passen wunderbar zur Stimmung der Geschichte und regen die Phantasie des Lesers an. Ihre Numerierungen (vor allem die undurchsichtige Reihenfolge der Zahlen) bleiben aber das Geheimnis des Zeichners. Wolf Erlbruch ist Professor für Kunst in Wuppertal und erhielt für das Buch "Das Bärenwunder" den deutschen Jugendliteraturpreis 1993. Eine Premiere übrigens: Erlbruch-Zeichnungen zu einer Geschichte seines (heute: ehemaligen) deutschen Bilderbuchverlegers!

Fazit: Ein liebevoll erstelltes und verfaßtes Buch, in dem man von der ersten bis zur letzten Seite die Liebe des Autors zum schwarzen Kontinent spürt.